Texte von früher: Temperaturen

Wieder mal ein alter Text, gefühlt aus einem anderen Leben. Diese  auftretende Milena tauchte in einigen meiner Texte auf und irgendwie habe ich manchmal noch immer das Gefühl, dass diese junge Dame mit ihrer alten Seele noch viel mehr zu erzählen hätte. Eine ganze Geschichte, eine große Geschichte. Eine Geschichte zum Weinen und Frieren, selbst im Sommer.

Eine weitere kurze Skizze – über Milena und den Heiligabend, habe ich schon einmal vor zehn Jahren oder so verbloggt.

Zehn Jahre und die Gute geht mir noch immer nicht aus dem Kopf.

Aber in diesem Text ist es Sommer. Vielleicht.

Temperaturen

Das Thermometer zeigt etwas mehr als 36° C. Die verwitterte Holzwand, an der das Thermometer hängt, zeigt ebenso verwitterte Erste-Hilfe-Maßnahmen für Ertrinkende. Würde ein Wind vom Meer her wehen, würde eine ausgeblichene DLRG-Fahne Richtung Land zeigen. Aber es weht kein Wind.

Gestern erst ist Milena angekommen, gestern erst ist Milena zurückgekommen. Sie blickt auf den Sandstrand, sieht ein paar kleine Punkte, die sich bewegen, wie Menschen am Strand. Sie sieht das Meer, immer noch da, wieder neu. Milena schließt die Augen, denkt an früher, sieht Bilder von früher, sieht das Meer ihrer Kindheit und den Sandstrand. Das erste Bild in ihrem Kopf: der Sommer 1977. Das letzte Bild: der Sommer 2006. Dazwischen Sommer aus den 80ern und 90ern. Übereinandergelegt verlieren sie ihre Schärfe, übereinandergelegt zeigen sie Veränderungen, übereinandergelegt beginnen sie bei etwas mehr als 36° C zu flimmern.

Auf dem ersten Bild ist Milena sechs. Der Horizont mit dem Meer davor ist noch zu weit weg im Sommer 1977. Das Bild, das er hinterlässt, zeigt nur einen kleinen Ausschnitt: Milenas Eltern ein paar Meter von ihr entfernt. Milenas Eltern in einem Strandkorb. Milenas Eltern: lächelnd.

Milena lässt die Hütte hinter sich und geht Richtung Meer. Geht durch die Dünen, durch den Sand, durch weitere Bilder.

Der Sommer 1986 ist warm, aber nicht heiß. Die blaue Flüssigkeitssäule des Thermometers an der frisch gestrichenen Holzwand zeigt etwas weniger als 24° C. Die Sonne versteckt sich hinter Wolken, Milena versteckt sich zum Küssen mit Marc hinter einer Düne. Ihr Tagebuch, in das sie viel über das Küssen mit Marc schreibt, versteckt sie in einer Plastiktüte und vergräbt es unter einem Stein.

Ich bin die Flut denkt Milena, während sie barfuß auf das Wasser zugeht. Manches nehme ich mit und jeden Sommer kehre ich zurück.

Je jünger die Bilder sind, desto größer wird der Ausschnitt. Die rote Farbsäule auf dem Thermometer unter Milenas Achsel zeigt einen Sommer nach Marc etwas mehr als 39° C. Ihre Eltern stehen fast zum Greifen nah neben dem Ferienhausbett, in ihr Lächeln mischt sich Sorge. Die ersten Falten unter den Augen der Eltern stammen aus dem Sommer 1987. Milena ahnt, dass die Sorgen nichts mit der Sommergrippe zu tun haben. Dass die Sorgen irgendwo zwischen den Köpfen der Eltern entspringen, an einem Punkt, an dem es spürbar kälter ist. Spürbar, aber noch nicht messbar.

Milena setzt sich in den Sand, gerade so weit vom Wasser entfernt, dass die Brandung sie nicht erreicht, schaut ein paar Sekunden lang zum Horizont und schließt die Augen. Der Horizont bleibt hinter dem Lid. Milena öffnet die Augen, versucht etwas zu fixieren, einen Punkt zu finden und zu fixieren, aber das Meer mit dem Himmel darüber zeigt keine Punkte. Meer und Himmel bleiben Flächen, die sich ineinander schieben, sich übereinander legen. Die bei etwas mehr als 36° C zu flimmern beginnen.

Die folgenden Sommer: kühl. Der Punkt zwischen den Köpfen der Eltern wächst zu einer Fläche. Die Temperatur ist unangenehm spürbar. Viele Auseinandersetzungen, ausgehandelte Besuchsrechte und gerichtlich verordnete Unterhaltszahlungen machen sie messbar. Milena vergisst das Meer in diesen Jahren fast.

In Milenas Handtasche summt es dreimal kurz. Ein Satz nur auf dem Display ihres Mobiltelefons. Sie kennt die Nummer. Wo bist du?

Jeden Sommer kehre ich zurück denkt Milena.

96 1 478 1 337 1 9463 0 tippt sie auf der Tastatur, Wo ist der Wind? liest sie auf dem Display. Der Daumen zögert, als er die Senden-Taste drücken will.

Die Augen schließen. Die Augen geschlossen lassen. Jetzt die grüne Taste drücken, jetzt die grüne Taste loslassen, jetzt die Augen öffnen und das Briefchen auf dem Display betrachten, wie es davon fliegt.

In den kühlen Jahren fliegt auch Milena davon, ohne die Eltern, vielleicht weg von den Eltern, die jetzt nicht mehr eins sind, die jetzt wieder in zwei Wohnungen leben, mit zwei Telefonnummern und zwei Gästezimmern, in denen Milena übernachten kann. Wenn sie möchte.

Milena lässt sich rückwärts in den Sand fallen. Der Himmel über ihr ist groß und leer. Zwei Schwalben jetzt wären romantisch denkt sie. Zwei Schwalben jetzt wären ein Zeichen. Zwei Schwalben jetzt würden Milena helfen. Damit sich ihr Blick nicht verliert.

Vor dem himmelblauen Hintergrund erscheint ein neues Bild. Milena ist 25, als sie sich wieder an das Meer erinnert. Ein Spätsommertag, fast schon Herbst: Sie fährt fünf Stunden lang mit dem Auto, um an den Strand zu kommen. Dann steht sie müde unter dem Vordach der DLRG-Hütte, die seit Anfang des Jahres nicht mehr genutzt wird. Es dämmert, es regnet, das Thermometer zeigt kaum mehr als 13° C. Milena weint. Vielleicht vor Freude, vielleicht aus anderen Gründen. An diesem Spätsommertag steht sie lange am Strand.

Die Heimfahrt dauert wieder fünf Stunden, Milena ist durchnässt. Zu Hause ruft sie ihren Freund an, trennt sich von ihm. Sie weiß nicht genau, warum sie das tut, aber es fühlt sich richtig an. Zumindest fühlt es sich nach irgendetwas an.

Das Handy summt erneut. Vielleicht ist der Wind hier und wartet auf dich!! liest sie auf dem Display. Hinter dem Satz zwei Ausrufezeichen. Keine Fragezeichen auf dem Display, keine Schwalben am Himmel. Ein Zeichen jetzt wäre romantisch.

Milenas Daumen bewegt sich über die Tastatur. 8435534248 000. Vielleicht … liest sie auf dem Display, dahinter drei Punkte. Drei Punkte, die wichtig sind, drei Punkte, die mehr sagen, als ein Vielleicht. Drei Punkte, die dieses Vielleicht abschwächen, die diesem Vielleicht etwas hinzufügen. Ihm eine Richtung geben.

Milena drückt die grüne Taste, legt selbst die Richtung fest. Dann steht sie auf und beginnt zu laufen, so schnell sie kann. Links von ihr die Dünen, rechts von ihr das Meer, vor ihr Bilder und Erinnerung. Stimmungen.

Im Frühling 1999 geht Milena ein letztes Mal mit ihrem Großvater den Strand entlang. Links von ihnen die Dünen, rechts von ihnen das Meer. Vor den beiden liegt der Tod des Großvaters, das wissen sie im Frühling 1999 bereits. Die Wärmebehandlung, bei der das Tumorgewebe auf 42° C erhitzt wird, zeigt keinen Erfolg. Die Zellen wachsen weiter, brennen sich als orange-rotes Wärmebild in Milenas Kopf, wachsen, bis Großvaters Körper zu klein wird für die vielen Zellen.

Milena läuft noch immer, ihr Herz schlägt schnell und laut in ihrer Brust. So laut, dass sie das summende Handy nicht hört. Milena zählt die Stiche unter ihren Rippen, nach hundert Stichen bleibt sie stehen. Auf ihrer Netzhaut blitzen Sterne. Das erinnert Milena an den letzten Sommer. Sie lächelt zum ersten Mal bei etwas mehr als 36° C.

Der Sommer 2005 wiegt wenig, ist leicht wie ein Lachen. Die Sommernächte sind angenehm warm, der Nachthimmel über dem Meer ist groß und voller Sterne. Zwischen den Dünen sitzt Milena neben einem Mann, manchmal liegt sie zwischen den Dünen auf einer Decke neben einem Mann. Der Sommer 2005 besteht aus Nächten und Tagen mit Peter.

Jede Nacht und jeder Tag sind etwas mehr als 36° C warm, seitdem Peter mit seinem Autoschlüssel eine Kerbe in das Kunststoffröhrchen des Thermometers gedrückt hat. Jetzt kann die Temperatur nicht mehr zurück.

Milena dreht sich um, die verwitterte DLRG-Hütte liegt klein und deutlich auf einer Düne. Jetzt sind die Bilder aufgebraucht, jetzt gibt es keine Erinnerungen mehr. Jetzt sieht Milena klar. In ihrer Handtasche sucht sie nach den Zigaretten, findet ihr Handy. Es blinkt. Sie liest: Vielleicht … Vielleicht trägst du den Wind in dir, Milena! Wieder ein Ausrufezeichen. Wieder kein Fragezeichen. Wieder diese Sicherheit, kein Zweifel nötig, keine Fragen.

Milena blickt in den Himmel. Der Himmel ist groß und klar und leer. Die Bilder sind aufgebraucht, die Bilder sind verbraucht. Etwas weiter weg am Himmel ein paar kleine Punkte, die sich bewegen, wie Vögel.

Milena lächelt das zweite Mal an diesem Tag. Ihr Daumen bewegt sich kurz nur über die Tastatur des Mobiltelefons. 52 drückt sie, danach ein Ausrufezeichen.

Senden.

Der Aktionsradius wird zum Punkt

Manchmal frage ich mich, wie wir alle in fünf, zehn, zwanzig Jahren über dieses Frühjahr 2020 reden werden. Sicher: Diejenigen von euch, die Nachwuchs haben, werden natürlich ihre Kinder und Enkel mit Geschichten über nicht vorhandenes Klopapier nerven – so, wie uns vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren die Opas und Tanten und mit Geschichten über die Nachkriegszeit genervt haben. Dieser Kelch wird Gott sei Dank an mir vorbeigehen – keine Kinder, keine Geschichten. Ich werde allein mit der besten Ehefrau am Fenster sitzen und die Welt anmotzen. Und wenn ich an den Frühling 2020 denken werde, werde ich fluchen und aus dem Fenster der Welt ins Gesicht grummeln, was für eine verdammte Scheiße doch dieses Jahr war. Eigentlich wird es also nicht viel anders sein als heute.

Die Zeiten sind wirklich schräg und jeder von uns lebt gerade in (s)einer absoluten Ausnahmesituation. Das kann das Beste hervorbringen. Das kann das Schlechteste hervorbringen. Und wenn ich mir die vielen Schicksale anderer Menschen ansehe – gesundheitlich, finanziell, existenziell – kann ich mich eigentlich nicht beklagen. Obwohl ich einer dieser kreativen Soloselbstständigen bin, halten sich meine finanziellen Einbußen in Grenzen. Noch. Ich kann, wie bisher auch, von zu Hause aus arbeiten, wir haben einen Garten und wohnen nah am Wald. Ich bin also keiner dieser Helden des Alltags, die täglich als Pfleger, Busfahrer, in Supermärkten und Arztpraxen an vorderster Front ihren Arsch hinhalten müssen. Ich bin nur ein mittelalter ängstlicher Sesselpupser, der immer zu viel denkt.

Deswegen gelingt es mir auch ziemlich gut, wirklich nur einmal in der Woche zum Supermarkt zu fahren und mich unter Menschen zu begeben. Aber genau dieser Kontrollverlust, dieser Verlust von Autonomie, der nagt schon ziemlich an meinem Befinden. Dazu der Wegfall von allem, was meinem Leben seit der Reha Ende des vergangenen Jahres irgendwie Struktur gegeben hat: Aquafitness-Kurs, die Reha-Nachsorge-Gruppe, Treffen mit anderen Reha-Menschen. Für Menschen mit Hang zu depressiven Episoden ist momentan alles schwierig – wenn auch nicht so offensichtlich für die Außenwelt. Aber wann sind Menschen mit Hang zu depressiven Episoden überhaupt mal offen-sichtlich?

Machen Sie Sport, heißt es. Bewegen Sie sich viel an der frischen Luft, heißt es. Nehmen Sie sich jeden Tag mindestens eine Sache vor, die Ihnen Spaß macht. Soziale Kontakte sind gut. Tagesstruktur ist gut. Achtsame Auszeiten sind gut. Nichts davon spielt gerade eine Rolle in meinem Leben, das auf einen Aktionsradius von zu wenigen Metern zusammengeschrumpft ist. Aber am schlimmsten fühlt sich der Verlust von Entscheidungsfreiheit und Selbstständigkeit an. Ich fühle mich im wahrsten Sinne des Wortes eingesperrt. Kurios daran ist, dass ich ja sonst auch nicht der Mensch mit vielen Kontakten und einem funktionierendem Sozialleben bin. Aber ich will die Möglichkeit haben – selbst, wenn ich sie nicht nutzen werde und vor allen Dingen nicht nutzen kann.

Ich weiß, das alles klingt nach first world problems, nach jammern auf wirklich hohem Niveau und ich solle einfach mal auf die Menschen mit richtigen Problemen schauen: Obdachlose, Flüchtlinge in den Lagern in Griechenland, ausgebombte Familien in Syrien und beschnittene Frauen in Somalia. Das sind Probleme!

Ja, kann ich machen, kann ich auch ganz schrecklich finden. Und trotzdem wird es mir dadurch nicht besser gehen. Denn der Trugschluss ist ja, dass schlechte Stimmungen, Ängste oder Frust sich mit anderen Stimmungen und Ängsten vergleichen lassen. Auf den körperlichen Bereich übertragen würde dies bedeuten, dass jemand der ein Bein verloren hat, nur halb so traurig sein darf, wie jemand der beide Beine verloren hat. Und der Blinde dürfte vielleicht nicht so deprimiert sein, wie ein Taubstummer, weil dieser ja auf doppelt so viele Fähigkeiten verzichten muss.

Aber das Fühlen ist nicht vergleichbar. Leiden ist immer individuell. Aber diese Tatsachen muss ich mir sogar selbst noch oft genug um die Ohren hauen, weil man natürlich dieses Vergleichen und das Schau-dir-doch-mal-die-anderen-Menschen-an viel zu lange erlernt und somit verinnerlicht hat. Wenn der Mensch des Menschen Feind ist, dann ist man selbst wahrscheinlich sein größter Feind.

Ich werde mir also auch in den kommenden Wochen meinen zunehmend fetter werdenden Arsch auf dem Sofa vor Netflix plattsitzen, zu spät ins Bett gehen, zu viel rauchen und mir vor allen Dingen viel zu viele Gedanken machen. Nebenbei vielleicht noch den einen oder anderen Mimimi-Text hier veröffentlichen und dann wird es irgendwann wieder besser werden. Hoffentlich.