Corona wird enden – irgendwann

Das vergangene halbe Jahr war für mich ein dauerhafter Schrecken. Sechs Monate Ausnahmezustand, sechs Monate Isolation, sechs Monate Rückzug. Viele andere Menschen werden sich wahrscheinlich besser zurechtgefunden haben. Werden ihr altes Leben irgendwie der neuen Situation angepasst haben und mehr oder weniger selbstverständlich ins Restaurant, ins Kino oder zum Sport gegangen sein.

Ich war nie flexibel. Neue Situationen muss ich erst einmal ausgiebig durchgrübeln: Wo lauern Gefahren? Was könnte passieren? Welche Katastrophen sind zu erwarten? Wo andere Menschen Chancen sehen, sehe ich Risiken. Wenn andere Menschen ihre Zukunft in schillernd bunten Farben malen, male ich schwarz.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Unter einer Brücke, wohnungslos, arbeitslos, unzufrieden, alles verkackt. Mit nem Rotwein neben mir. Wenn es gut läuft, mit nem Rotwein in einer Flasche statt aus einem Tetrapack.

Ich beneide Menschen so sehr, die sich ihrer Stärken bewusst sind. Die wissen, was sie können und die aus diesem Wissen ein Selbst-Vertrauen ziehen. Die eine Art von Ur-Vertrauen haben, dass sich alles irgendwie fügen wird. Das ist mir fremd, wie mir die ganze Welt immer ein Stück weit fremd bleiben wird.

In den vergangenen sechs Monate habe ich mich in diesen neuen Wahnsinn eingerichtet. Isolation, Abstand, Angst und Rückzug waren meine neue Normalität. Und was anfangs noch ziemlich schmerzte, wurde durch den Gewöhnungseffekt zunehmend milder. Oder mir wurde es egaler. Trotzdem hatte ich neulich einen für mich wirklich hellen Gedanken. Mir wurde bewusst, dass all diese Scheiße, die gerade passiert, nicht von Dauer sein wird. Das hatte ich wirklich, wirklich in den vergangenen Monaten vergessen. Irgendwann wird es wieder anders sein, dann sind Masken, Desinfektionsmittel und Abstandsregeln nur noch Erinnerung. Dann kann ich wieder etwas leichter durch die Fußgängerzone gehen, etwas befreiter durchatmen und wieder spontan sorglos zum chinesischen All-you-can-eat-Buffet gehen. Das ist nicht für immer verloren. Vielleicht in einem halben Jahr, vielleicht im kommenden Sommer wird alles wieder anders und hoffentlich besser sein.

Ich werde aus dieser Zeit vielleicht sogar etwas gelernt haben.

Dass Freundschaften wichtig sind und dass mir sie mir fehlen, werde ich gelernt haben.
Dass Nähe, Umarmungen und Handschlag mehr als pures Ritual sind, werde ich gelernt haben.
Dass man die Hoffnung auf eine bessere Zeit niemals aufgeben soll, werde ich gelernt haben.

Aber jetzt heißt es erstmal: weiter durchbeißen. Sich weiter klein machen, flach atmen und ängstlich bleiben. Das wird enden. Irgendwann. Es muss.

Unruhige Herzen

Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, heißt es in den Bekenntnissen von Augustinus. Ich stieß neulich auf den Satz, als ich nachts durch die TV-Sender zappte (Netflix, Prime und Sky habe ich bereits durchgespielt) und bei einer Doku über Sophie Scholl hängen blieb. Dokus über das Dritte Reich gehen ja immer – und ich habe wahrscheinlich alle gesehen. Mehrfach.

Kleiner Doku-Tipp am Rande: Der Film „Der Anständige – Heinrich Himmler“ ist famos, denn er montiert ausschließlich zitierte Originaldokumente wie Briefe und Tagebucheinträge mit Filmaufnahmen aus jener Zeit. Und so hört man den Wortlaut eines Eintrags von „Pappi“ in das Poesiealbum seiner Tochter Gudrun („Man muss im Leben immer anständig und tapfer sein und gütig“) und sieht dazu Bilder aus Dachau und Auschwitz. Das ist verstörend. Und gibt einen wahnsinnig intensiven Einblick in die schon oft zitierte „Banalität des Bösen“.

Aber, ich schweife ab. Auf jeden Fall habe ich jetzt seit Tagen diesen Satz mit dem unruhigen Herzen im Kopf und wende ihn und drehe ihn und denke ihn und hatte ihn auch neulich morgens im Kopf, als ich mich noch einmal hinlegte (fragt nicht). Ich mag das Pathos des Satzes. Ich mag das Bild des unruhigen Herzens, denn es passt – zu mir, aber bestimmt auch zu anderen Menschen mit ihren Ängsten und Depressionen, mit ihren Traumafolgestörungen. Von außen betrachtet mag man – insbesondere an schlechten Tagen – nahezu apathisch wirken. Ruhig halt. Im Innen ist es aber alles andere als ruhig. Du kannst drei Tage mit minimalsten Bewegungen im Bett und auf dem Sofa verbringen, kaum sprechen und trotzdem bist du innerlich genau das Gegenteil der Ruhe. Da tobt ein Krieg zwischen den Schläfen. Ein Krieg zwischen dir und dir. Im Nebel. Und was immer du in deinem Kampf triffst, zerstört automatisch ein Stück von dir selbst.

Immer ist alles gespannt in deinem Körper: Muskeln, Sehnen, Nerven. Bereit zur Flucht, bereit zum Kampf. Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, ist ein Satz mit so viel Klarheit. Diese unerfüllbare Sehnsucht nach der Ruhe, die wir – laut Augustinus – in diesem Leben nicht erreichen werden, die wird bleiben. Die Unruhe wird bleiben. Ich werde mit ihr leben müssen. Ich werde lernen müssen, mit ihr zu leben.

Natürlich hat dieser Satz auch diesen Gott-Bezug, der in heutigen Zeiten ja schwierig auszuhalten ist. Gott? Das ist eine Zukunftswette mit schlechten Quoten. Das ist die eine Karte, auf die du alles setzt, ohne zu wissen, ob du überhaupt mit Karten spielst. Glauben halt, nicht Wissen. Es ist die ultimative Verweigerung gegen all die rationalen Stimmen. Und immer findet sich ein Karl-Heinz, der gerade „Das Universum in der Nussschale“ gelesen hat oder auf ZDFinfo eine Doku über die erste Sekunde nach dem Urknall sah und sich nun berufen fühlt, dich aufklären zu müssen. Oder eine Karen, die irgendwas mit Machtmissbrauch, Inquisition oder kleinen Jungen erzählt.

Unruhig ist unser Herz …, ich bin mit diesem Satz noch nicht fertig. Ich spüre, wie ich ihn wie einen Handschmeichler weiter mit mir rumschleppen muss. Ich mag solche Sätze. Ich trage sie im Kopf, aber sie wirken im Herzen. Und eigentlich wäre dieses Zitat von Augustinus auch ein schöner Beitrag für unsere ZweiSichten gewesen. Was bedeutet es für mich? Und was für eine Ordensschwester? Ist diese Ruhe in dir erstrebenswertes Ziel? Und wie ruhig kann unser unruhiges Herz in dieser unruhigen Welt eigentlich werden? Ist das Zitat hoffnungsvoll? Oder frustrierend? Ja, das wäre ein spannender Austausch geworden. Und vielleicht wird er irgendwann – im Netz, in einem Buch oder im echten Leben stattfinden.

Bis dahin bleibe ich unruhig. Ich muss.