Mal wieder ein Gedicht: Unter Oberflächen

Mal wieder etwas aus meinem übervollen Gedichte-Ordner. Fällt aber fast gar nicht unter die Kategorie „Texte von früher“. Ist zumindest eines der jüngsten Gedichte, die ich so schrieb. Wer die zitierte Serie erkennt, bekommt einen Extra-Applaus.

Unter Oberflächen

Dein Schmerz ist wichtig für andere Menschen

Sagt jemand in der achten Folge der ersten Staffel
Einer TV-Serie
Und du lächelst während du
In deinen stillen tiefen Wassern
Täglich neu
Unsichtbar für andere Menschen
Ertrinkst
Die Oberflächenspannung über dir
Trägt Füße, Lieben, Welten
Nicht deine leichte Haut
Nicht deine dünnen Nerven
Nicht das Blei in deinen Adern
Nichts sonst
Von dir
In deinen stillen Tiefen
Sind Schreie, Schmerzen, Angst
Luftblasenspiel an der Oberfläche
Nichts sonst
Ist wichtig für andere Menschen

Texte von früher 4: Ramschladenmädchen

Und an diesem Sonntag habe ich mal wieder einen Blick in meinen alten Gedichte-Ordner geworfen und ein kleines Stück von früher herausgekramt. Der Text muss – wie die vielen anderen Gedichte auch – etwa 20 Jahre alt sein. Plusminus.

Wen ich heute so durch die Gedichte blättere, fällt mir auf, dass sich sehr viele thematisch mit der Stadt beschäftigen. Mit Asphalt, Mauern, Häusern. Und immer ist alles grau, Regenbögen gibt es nur in Pfützen aus Benzin. Diesen Text habe ich wahrscheinlich geschrieben, nachdem ich durch die Einkaufsstraße in Dortmund Hörde gegangen war. Damals gab es dort noch nicht das Leuchtturmprojekt Phoenix-See. Der Stadtteil, gezeichnet von mehr als hundert Jahren Stahlproduktion, war alt und dreckig. Ein Arbeiterstadtteil ohne Arbeit. Wie so viele andere Stadtteile im Ruhrgebiet.

Heute ist es etwas aufgeräumter dort. Wo einst das Stahlwerk glühend fauchte, ist jetzt ein See. Umringt von vielen freistehenden Einfamilienhäusern. Beton, Glas, bodentiefe Fenster und in jeder zweiten Einfahrt steht ein Luxusauto.  Gentrifizierung.

Aber ich schweife ab. Hier mein Gedicht – zeitlos aus der Zeit gefallen.

Ramschladenmädchen

Sie schiebt ihren Kinderwagen
durch die Fußgängerzonen
jeder Stadt
Unter ihren Füßen
wird alles grau
und um sie herum

Die Farben schiebt sie vor sich her
und ein Kind
das schreit
Das immer schreit
und so laut schreit
weil sie nichts hören will

Monster denkt der Säugling
Monster denkt auch sie
kurz nur
Steckt sich eine Kippe an
vergisst das Monster
denkt an Abgelaufenes
Prepaidkarten
Schuhe
Toastbrot
Vergewaltigungen
Vielleicht an einen Jungen
der anders war
und unter ihren Füßen
wird alles grau
und um sie herum
gibt es immer einen Ramschladen
Da kauft sie sich manchmal
ein rotes Plüschherz

Durch die Fußgängerzonen
jeder Stadt
schiebt sie sich
und nichts

sonst

Hat euch der Text gefallen? Habt ihr Bock auf weitere Gedichte? Ich schreibe hier ja manchmal in eine schweigende Dunkelheit. Lasst es mich wissen.