Tempolimit jetzt!

Die Überschrift dieses Artikels könnte Teile der Bevölkerung verunsichern. Vor allen jene Headline-Leser mit hohem Blutdruck, wenig Impulskontrolle und viel Aufmerksamkeitsbedürfnis. Wenn diese Menschen das Wort Tempolimit hören, wird ja sofort ein als „Montagsdemo“ getarnter Kameradschaftsabend mit Fackellauf zum Wohnhaus des örtlichen Stadtrats der GRÜNEN organisiert. Und Freiheit gerufen. Freiheit ist solchen Leuten ja ganz wichtig. In erster Linie die eigene. Und eigentlich meinen sie auch gar nicht Freiheit, sondern Egoismus. Aber Freiheit klingt halt besser.

Aber mit Tempolimit jetzt! meine ich eigentlich etwas viel Größeres als ein Tempolimit auf Autobahnen. Das kann meinetwegen kommen. Es ist zwar in erster Linie Symbolpolitik und die Effekte auf den CO2-Ausstoß und die Verkehrssicherheit sind eher gering, aber verdammt nochmal, wie müssen halt gerade an jeder Ecke sparen. Und Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist, wie man hier im Ruhrgebiet gerne sagt. Insofern: Ja zu Tempo 100 auf den Autobahnen. Am besten ab morgen. Ende der Diskussion.

Tempolimit jetzt! soll aber vor allen Dingen heißen: Nehmt mal alle den Fuß vom Gas. Und treibt nicht jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf. Seit meinem letzten Blogbeitrag Mitte Juli hatten wir Aufreger zu Layla, Karl May, dem neuen Infektionsschutzgesetz, Gaslieferungen, Pipelines, Waffenlieferungen, Reparationszahlungen an Polen, Transmenschen, Baerbock, die irgendwas gesagt hat, und Habeck, der irgendwas gesagt hat, und Lindner, der nichts gemacht hat, dem toten Gorbatschow, dem toten Ströbele, Polizisten mit Maschinenpistolen, Weihnachtsmärkte ohne Beleuchtung, Wutwinter, Energiepreise, dem 9-Euro-Ticket, dem Tankrabatt, dem Porschegate undundund.

Puhhh. Ganz schön viel Energie, die da in unserer Gesellschaft rumwabert. Immer schön angefeuert und hochgekocht von menschenverachtenden Hetzmedien wie BILD, WELT, FOCUS, den üblichen Blogs und ein paar russischen Trollfabriken. Weiterverteilt über ignorante Plattformen wie Facebook, Twitter, WhatsApp, TikTok, Telegram. Letztendlich landet alles auf den Endgeräten des normalen Bürgers, des „kleinen Mannes“. Der liest das alles. Und ihm geht der Arsch auf Grundeis, wenn er das alles liest. Doomscrolling nennen es die Fachleute, wenn in deiner Timeline nur noch Horrormeldungen zu finden sind, die einem suggerieren, die zivilisierte Welt befände sich in unkontrollierter Auflösung.

Dabei will ich den großen Online- und Printmedien noch nicht einmal eine echte politische Agenda vorwerfen. Damit macht man sie größer als sie letztendlich sind. Nö, die Hetze geschieht in erster Linie aus kommerziellen Interessen. Alles, was polarisiert, bringt heutzutage Klicks. Und Klicks bedeuten Werbeeinnahmen.

Money rules the world.

Money makes the world.

Ich bin überzeugt: Wäre es, warum auch immer, für die Medienhäuser egal, wie viel Leute die Seiten aufrufen oder die Social-Media-Posts lesen, die Nachrichtenlage, unser aller Alltag, sähe komplett anders aus. Wahrscheinlich hätten wir zahlreiche Krisen überhaupt gar nicht. Zumindest würden wir sie vielleicht eher als Chancen, denn als Krisen wahrnehmen. Und vielleicht gäbe es gar kein Pegida, keine AfD, keine Querdenker, keinen Wutwinter.

Aber es ist so unglaublich schwer, sich diesen wuterzeugenden Triggern zu widersetzen. Merke ich ja jeden Tag selbst. Aber wie kommen wir raus aus dieser sich immer schneller drehenden Spirale? Ich bin da relativ ratlos. Wäre es nur dieser Faktor Social-Media-Hetz- bzw. Fakekampagnen, könnte man sich darauf konzentrieren. Aber es sind ja eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die diese explosive Stimmung weiter anheizen oder sie zumindest begünstigen. Der oben bereits erwähnte Egoismus zum Beispiel. Aber auch Befindlichkeiten, die zunehmend dazu führen, dass die eigene Wahrnehmung, eigene Werte, letztendlich das eigene Leben als normgebend für alle anderen Leben angesetzt werden. Man selbst ist im Recht. Die Anderen mit anderen Werten: toxisch, narzisstisch, schuldig.

Twitter ist diesbezüglich in den letzten Jahren zunehmend spießiger geworden. Und nein, damit meine ich jetzt gar nicht die diversen, immer hysterischer geführten Identitätsdiskussionen. Nein, ich meine den ganz normalen Alltag. Wie oft mir in letzter Zeit Tweets auffielen, in denen sich über zu laute Kinder in der Wohnung über einen, laufende Wäschetrockner um 22.00 Uhr im Keller, grillende Nachbarn oder Musik im Hinterhof beschwert wurde – das hat sehr viel lindenstraßiges Else-Kling-Niveau. Bemerkenswert.

Ich wünschte mir, dass alle mal etwas auf die Bremse treten. Verbal abrüsten. Zwei Sekunden länger nachdenken, bevor sie ein Drecks-Spruchbild zu Baerbock auf WhatsApp weiterleiten. Drei Sekunden innehalten, bevor sie andere abwerten. Vier Sekunden überlegen, ob der eigene Horizont vielleicht beschränkter ist als erhofft. Fünf Sekunden hinterfragen, ob das, was man selbst für richtig hält auch richtig für andere Menschen ist.

Aber ich habe diesbezüglich keine Hoffnung. Das wird nicht passieren. Im Gegenteil, die Gräben werden noch tiefer gezogen werden, das Eigene wird noch brutaler verteidigt, das Andere noch intensiver bekämpft werden.

Keine schönen Aussichten.

Der Herbst wird kommen, dann der Winter.

Hoffen wir auf den Frühling.