Neue Textreihe: Erste Momente

Erste Momente

Schon vor mehr als einem Jahr hatte ich die Idee zu einer weiteren Textserie, ähnlich der Hundert Dinge bzw. der weiteren Dinge. Leider machte mir mein Job einen Strich durch die Rechnung: 2015 fehlten mir Kraft und Zeit solch ein Projekt in Angriff zu nehmen.
Nachdem ich nun aber Ende des vergangenen Jahres diesen Job an den Nagel gehängt habe, kommt auf einmal wieder die Kreativität zurück, sagt leise Hallo und tätschelt das Seelchen mit vielen schönen Ideen. Ein wunderbares Gefühl!
Nun zu meinem Plan: Ich habe viele Ideen zu Texten über erste Momente im Kopf: der erste Schultag, der erste Vollrausch, die erste Liebe, das erste Auto, der erste Urlaub allein ohne Eltern. Aber ebenso: die erste Beerdigung, die erste Trennung, der erste Autounfall. The first cut is the deepest heißt ein Song von Cat Stevens. Und ich denke, dass wir alle eine Vielzahl dieser ersten Momente mit uns tragen. Manche vergessen wir, manche holen uns immer wieder ein und manche begleiten uns fast täglich. Das ist ganz schön viel Spielraum für tolle Texte, für nachdenkliche Texte, für absurd komische Texte und für Texte voller Peinlichkeit.
Ich freue mich darauf! Und falls ihr noch Ideen für bestimmte erste Momente im Kopf habt, über die ihr gern eine Geschichte von mir lesen würden. Schreibt es doch einfach hier in die Kommentare. Vielleicht haben wir dadurch alle ganz neue Eindrücke.

Weitere Dinge: Ravioli aus der Dose

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Es gibt Dinge, die prägen ganze Generationen, oder Lebensabschnitte, oder Biografien, bevor sie irgendwann, nicht selten urplötzlich, wieder aus dem Leben verschwinden.
Vielleicht war Tetris so ein Ding. Oder die Brisk Frisiercreme. Oder der Trabant 601. Und ich wage zu behaupten: Dosenravioli von Maggi sind auch solch ein Ding. Jeder, der zwischen 18 und 50 Jahre alt ist, hat wahrscheinlich ganz ähnliche Assoziationen und Erinnerungen, wenn er die rot-gelben Büchsen im Supermarkt sieht.

Zuerst ist da die Kindheitserinnerung: Zu Grundschulzeiten haben wir Ravioli geliebt. Die gab es immer, wenn es schnell gehen sollte. Oder wenn Mutti uns etwas Gutes tun wollte. Wenn sie uns etwas Supergutes tun wollte, gab es noch ein Spiegelei oben drauf. Das war herrlich.

Einige Jahre später spielten die Ravioli dann wieder eine Rolle. Und zwar eine von nahezu überlebenswichtiger Dimension. Da waren wir alle so alle 18, 19, 20 und hatten gerade das Abi gemacht, studierten, hingen im Sommer an Baggerseen ab und besuchten Musikfestivals. Und was haben wir damals gefressen bei Rock am Ring? Oder beim Zillo-Festival? Auf Wacken? Bei jedem verdammten Zelten an irgendeinem See in den Sommerferien? Kalt haben wir sie gefressen, die Maggi-Ravioli. Aus der Dose haben wir sie gefressen. Die hatte vorher natürlich irgendwer mit einem Taschenmesser aufsägen müssen. Wir hatten doch nix, damals. Und ein Dosenöffner war ungefähr das Letzte, an das wir gedacht haben. Damals. Unser ganzes Hab und Gut ging doch für die Festival-Karten drauf, für Bier, für Gras, vielleicht noch für ein Festival-Shirt und eine Packung Gummis. Die haben wir aber eh nicht gebraucht, weil wir doch immer viel zu betrunken waren, um noch vögeln zu können.
Wenn wir an Verhütung dachten, dann daran, wie wir verhüten konnten, die kalt gefressenen Teigtaschen in Tomatensoße wieder zurück ins Zelt zu kotzen. Der Austausch von Körperflüssigkeiten auf Festivals beschränkte sich auf genau … ach lassen wir das.
Ein Freund von mir hatte damals die kurzfristig glorreiche Idee, etwa eine halbe Flasche Tabasco über die sich noch in der Dose befindlichen kalten Ravioli zu kippen. Man würde – so seine Argumentation – gar nicht bemerken, ob die Scheiße nun kalt sei oder heiß. Und was soll ich sagen, es funktionierte wirklich. Man hatte einen hochroten Kopf, Schweißperlen auf der Stirn und fühlte sich schon ein wenig geil, weil man so ein knallharter Kerl war. Dass die Ravioli kalt gewesen waren, hatte man wirklich nicht bemerkt. In diesem schönen Gefühl des Sieges sonnte man sich dann weiter bei Bier, lauter Musik und Albereien auf dem Zeltplatz. Dass die Idee mit dem Tabasco vielleicht nicht die beste Idee war, merkte man erst etwa einen Tag später.
Wer einmal in seinem Leben den – wie ein Höllenfeuer brennenden – Stuhlgang, auf einem von etwa 10.000 alkoholisierten Festivalbesuchern vollgeschissenen Dixi-Klo absolviert hat, weiß wovon ich schreibe!

Irgendwann ließen die Festivalbesuche nach, wir wurden älter und Ravioli spielten keine Rolle mehr in unserem Leben. Schließlich gab es jetzt Rucola, vegetarisches Hummus und Black Angus Rumpsteaks zum Kilopreis von 54,95 Euro. Niemand dachte überhaupt noch an Ravioli von Maggi.
Ich zumindest nicht.

Bis zum letzten Jahr. Als die beste Ehefrau und ich dieses Haus sanierten und monatelang in einem entkernten Altbau arbeiteten. Um nicht täglich den Pizzaboten kommen zu lassen, zur Pommesbude zu fahren oder nach McDonalds, hatten wir uns eine alte Mikrowelle in den Keller gestellt. Zeitweise war das der einzige Raum, in dem man gefahrlos eine kleine Mahlzeit zu sich nehmen konnte. Und als wir also irgendwann in jenen Tagen in unseren Arbeitsklamotten, bedeckt von einer dicken Schicht Baustellendreck durch den Supermarkt liefen, kamen wir am Regal mit den Ravioli-Büchsen vorbei. Ja, warum eigentlich nicht, dachten wir. Ist schnell, ist billig und als Kind haben wir die Dinger geliebt. Also zwei Dosen gekauft und eine Portion direkt in der Mikro aufgewärmt.
Was soll ich sagen? Manche Dinge aus der Kindheit sollten besser dort verbleiben. Holt man sie in die Gegenwart, verlieren sie ihren Charme. Die Ravioli machten eben nicht das wohlig-warme Kindheitsgefühl. Sie machten auch nicht satt. Mit einer Lebenserfahrung von 40 Jahren muss man einfach sagen: Die Dosenravioli sind schon eine ziemlich ekelige Angelegenheit. Sie sind weich-verkocht, die Soße schmeckt nach ich-weiß-nicht-was und bei der konsistenzlosen Füllung betet man, dass die Grundzutat wenigstens aus Pferdefleisch besteht und nicht aus etwas noch viel Schlimmeren.
Nein, Dosenravioli sind keine Option mehr.
Die zweite Dose stand dann noch lange hier im Schrank rum – der Mist hält sich ja ewig und übersteht wahrscheinlich auch einen Atomkrieg. Immer mal wieder hatte ich sie in der Hand. Wollte sie nicht wegwerfen, wollte sie nicht essen.
Irgendwann tat ich es dann doch und gab den Ravioli eine zweite Chance.
Sie nutzen sie nicht.
Aber jetzt sind sie weg.