Alben fürs Leben: Elizium von Fields of the Nephilim

Mal wieder ein Text über Musik, die mich langfristig und nachhaltig geprägt hat. Alben, die mich durch Leben begleitet haben. Und die einfach mehr sind, als nur ein paar Songs auf CD, Vinyl oder Kassette. Ich hatte ja schon Tocotronic, Blessing in Disguise und Casper hier mal vorgestellt. Heute wird es nun düster, sehr düster, kraftvoll und langsam. So in etwa, als würde ein 40 Tonner, beladen mit Grabsteinen, im Schritttempo über euren Kopf fahren. Zündet also ein paar Räucherstäbchen und Kerzen an, legt das Patchouli-Öl auf und lasst euch von der wohligen Dunkelheit umschließen.

Die Band Fields of the Nephilim gründete sich Mitte der 1980er Jahre. Eine Gothic-Rock-Band im Stil der Sisters of Mercy, die zeitlebens erfolgreicher sein sollten. Vielleicht waren die Sisters aber einfach nur mehr Mainstream. Die Fields hingegen, die waren ein Gesamtkunstwerk. Das Outfit: klassischer Italo-Western, mit langen Staubmänteln und Cowboyhüten gepaart mit etwas Endzeitromantik. Der legendäre Alan Bangs nannte die Fields in einer Moderation mal „Cowboys der Apokalypse“. Und das trifft es schon ziemlich gut. Die Live-Auftritte: nebelig. So viel Nebel, dass man oft nur die Silhouette der Musiker erkennen konnte. Gespenstisch. Das Artwork: Schamanismus, altbiblische Zitate, Hermetik. Alles zusammen: Mysterium.

Das Album „Elizium“ erschien 1990 und ich bekam es von meinem Schulkollegen Frank B. auf Tape aufgenommen. Ja, so war das damals. Irgendwer hatte eine Platte, die man gut fand und nahm sie für einen auf. Oder irgendjemand wollte eine Aufnahme von einer Platte, die man selbst hatte. Sharing gab es damals schon. Und während ich dies gerade schreibe, fällt mir auf, dass das Album in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag feiert und sofort könnte ich etwas zum Thema „Vergänglichkeit“ schreiben, irgendetwas trauriges übers Älterwerden und über die unwiederbringlich verlorenen Jahre der Jugend. Scheiße, ich hörte das Album zum ersten Mal vor 30 Jahren. Und in meiner Wahrnehmung bin ich immer noch 16 und habe keinen Plan, wie das mit dem Leben eigentlich so funktioniert.

Doch zurück zu Elizium: acht Songs, eigentlich sieben plus das sphärisch-blubbernde Intro „Dead but dreaming“, was natürlich ein Verweis auf Lovecrafts Cthulhu-Mythos ist. Nach diesem Intro folgt mit „For her light“ ein relativ klassisches Stück Gothic-Rock. Meiner Meinung nach eines der schwächsten Stücke. Mit den beiden ineinanderfließenden Songs „At the gates of silent memory“ (welch poetischer Titel) – mit einem schönen Aleister Crowley-Zitat – und „Paradise regained“ erlebt der Gothic-Rock seinen Endpunkt. So langsam, so getragen, so kraftvoll, so … schön. Das klingt so, als hätte man die Sisters of Mercy mit nem Koffer voll LSD und allen veröffentlichten Pink Floyd-Alben auf der Raumstation ISS eingesperrt und die mal machen lassen.

Auch die weiteren Songs sind unsterbliche Perlen der Düsternis und mit den beiden Songs „Wail of summer“ und „And there will your heart be also“ setzt das Album einen fulminanten Schlussstrich. Das Wunderbare an diesem Album: Ich habe es nie wirklich als depressiv empfunden, dafür ist es zu kraftvoll und groß.

Ich höre Elizium immer noch sehr, sehr gern. Im Ganzen. Bei möglichst großer Lautstärke, dem Bass auf Anschlag und alle Höhen rausgenommen. Und dann bin ich wieder 16 und fühle diese schöne Melancholie, die Weite des Weltalls und vielleicht sogar etwas von der Größe eines Schöpfers.

Ach, hört euch einfach das Album an. Und seid begeistert. Die 44 Minuten sind es wert.

Texte von früher: Hallo Gesellschaft

Da ich mit meinem nächsten Blogbeitrag etwas hänge, habe ich noch einmal den Ordner mit den alten Texten durchstöbert und euch eine weitere Perle meines Frühwerks herausgefischt. Heute würde ich ihn so nicht mehr schreiben, etwas subtiler wäre ich. Trotzdem mag ich dieses rausgerotzte, wütende Stück (Selbst-)Hass immer noch. Diese Zeilen zu lesen, ist für mich wie ein Blick in die wilden Jahre des frühen Erwachsenenalters. War nicht alles geil. Aber immer intensiv. Und ganz ironiefrei (im Gegensatz zu den oben genannten „Perlen meines Frühwerks“): Für den Satz Normalität ist die Wollust der Langeweile feiere ich mich noch heute.

Hallo Gesellschaft hier bin ich
Gezeugt in einer Frühlingsnacht Neunzehndreiundsiebzig
Wohl eher aus Langeweile denn aus Wollust

Nie im Kindergarten gewesen
Erste Kontaktaufnahme mit Artgenossen in der Grundschule
Fehlgeschlagen

Gehänselt gekränkt erniedrigt

Mich zu dem gemacht was ich jetzt bin
Doppelpunkt
Zynisch
Ausrufezeichen

Nicht der Finger in der Wunde
Auch nicht der erhobene Zeigefinger
Sondern die Faust im Gesicht
Die Pranke die Wunden reißt

Begeistert von Tabu
Und Abartigkeit
Hoher Wiedererkennungswert in Ekel
Und Perversion

Normalität ist die Wollust der Langeweile

Unverständnis über den Lauf der Welt
Oder ihrer Bewohner
Bin nicht normal
Aber meine Norm
Und mein Maßstab
Und wenn ich also der minimal zu erreichende Standard bin
Großer Gott
Was ist dann mit all den Menschen

Unnormalität wird zur Definitionssache
Für das Karzinom
Ist der menschliche Körper
Auch nicht zu verstehen
Und bestenfalls
Brötchengeber

Ich bin der Karzinomkörper
Verwuchert
Verwachsen
Durch die göttliche Qualitätssicherung gefallen
Und trotzdem ins Spiel gebracht worden
Vielleicht als Joker
Wahrscheinlich als Niete
Vom Umtausch ausgeschlossen
Und ausgeschlossen von Allem
Und trotz allem sag ich

Hallo Gesellschaft hier bin ich