Countdown zum Jahresende: 5

Neulich hatte ich ja meine Highlights des Film- und Serienjahres 2021 und vielleicht war ich etwas zu voreilig, denn gestern habe ich nochmal ein Brett gesehen, dass es definitiv in die Best-of-Liste geschafft hat.

Heiligabend ist auf Netflix die zweieinhalb Stunden-Satire „Don’t look up“ angelaufen. Starbesetzt mit Leonardo DiCaprio, Jennifer Lawrence, Meryl Streep, Kate Blanchett, Ron Perlman und zig weiteren Gesichtern, die man so von der Leinwand kennt (unter anderem die „Rose“ aus Two and a half men). Und dieser Film fasst eigentlich alles zusammen, was in den vergangenen fünf bis zehn Jahren in Politik und Gesellschaft so falsch gelaufen ist. Und nicht zuletzt all das, was in diesem Land hier seit gut 22 Monaten stattfindet. Er ist sozusagen eine Metapher für die Corona- und Klimapolitik.

Worum geht es? Wissenschaftler entdecken einen Kometen, der auf die Erde zurast. Gute 9 Kilometer groß, ein echter „Planetenkiller“ dessen Einschlag das Ende der Zivilisation und den größten Teil allen Lebens auf diesem Planeten Erde bedeutet. Zeit bis zum Einschlag: etwa sechs Monate. Mit dieser vernichtenden Nachricht wendet man sich an die Politik – im Film also zur US Präsidentin. Was dann folgt, hätte ich bis vor wenigen Jahren als absolut unrealistisch und total drüber angesehen, inzwischen scheint es leider näher an der Wahrheit dran zu sein, als wir uns vorstellen können. Die Politik will erst einmal „Ruhe bewahren und sondieren“. Aber nicht, weil sonst eine Panik ausbrechen würde, nein: In drei Wochen sind Vorwahlen und schlechte Nachrichten kann man nicht gebrauchen. Natürlich müssen die Wissenschaftler Verschwiegenheitserklärungen unterzeichnen, mit dem Totschlagargument „Nationale Sicherheit“. Sie wenden sich trotzdem an die Medien, aber werden nicht ernstgenommen. Wenig Klicks, wenig Aufmerksamkeit. Stattdessen werden die überforderten und verzweifelten Astronomen zu Memes.

So geht es weiter und weiter, mit all den Auswüchsen, die wir in den vergangenen Monaten live und in Echtzeit verfolgen konnten. Es werden alternative Experten konsultiert, die Existenz des Kometen wird geleugnet, es geht um Geld und internationale IT-Konzerne undundund.

Es ist traurig, das alles so geballt und überspitzt zu sehen, aber es trifft die aktuelle Lage so brutal gut, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. So können denkende Menschen doch nicht ersthaft reagieren! Doch, können sie. Und tun sie auch: HAHAHA, den Kometen gibt es gar nicht, alles eine Lüge, weil sie™ unsere Arbeitsplätze durch Chinesen ersetzen wollen. Don’t look up – denn die™ wollen doch nur, dass man da hinschaut. Damit man nicht sieht, was eigentlich passiert.

Der Film ist natürlich total drüber – Satire halt – und er erinnerte mich an das leider viel zu wenig beachtete Meisterwerk „Wag the dog“von 1997, in dem in den Medien ein Krieg inszeniert wird, den es gar nicht gibt. Nur um von der Sexaffäre des Präsidenten abzulenken.

Beide Filme kommen so übertrieben daher und spitzen einfach nur ein ganz klein wenig die Situation im echten Leben zu. Hoffe ich zumindest. Pessimisten könnten auch von Dokumentationen sprechen.

Die Reaktionen auf Twitter zu Don’t look up waren größtenteils positiv. Allerdings gab es auch kritische Quertweets, die – genau so – auch im Film hätten auftauchen können: Don’t look up sei Propaganda der Mächtigen. Gehirnwäsche für die Dummen. Damit nun wirklich jeder glauben müsse, dass Klimakatastrophe und Corona existierten und all die kritischen Geister nun ausnahmslos diskreditiert seien. Und das ist das faszinierende Moment an dieser Satire: Sie wird im echten Leben einfach weitergesponnen. Sie verselbstständigt sich. Die dient als Argument für und gegen die vorhandenen Fakten. Wobei Fakten natürlich – das wissen wir seit Donald Trump – jederzeit infrage gestellt werden können, dürfen, müssen. Der gesellschaftliche Konsens, dass man bestimmte Dinge einfach als wahr, existent und echt annimmt, wenn die überwiegende Mehrheit der Wissenschaft sie so bestätigt. Dieser Konsens bröckelt gerade unter unseren Füßen weg, wie das Spritzgebäck vom letzten Jahr. Und wenn diese Entwicklung so fortschreitet, dann sind wir mittelfristig komplett am Arsch. Wenn wir 400 Jahre nach Galilei wirklich wieder darüber streiten müssen, ob die Erde sich um die Sonne dreht, dann werden wir bald in ziemlich dunklen Zeiten leben.

Ich wünsche euch trotzdem einen tollen zweiten Weihnachtstag. Genießt ihn, geht an die frische Luft, atmet noch einmal das alte, fast aufgebrauchte Jahr ein und freut euch auf ein neues. Das wird hoffentlich besser. Für jeden von uns.

Gedanken zur Bundestagswahl

Screenshot: Pro7

Sonntag ist es wieder soweit. Und neben der puren Freude, dass dann endlich die ganzen Wahlarenen, Klartext-Runden und Trielle im TV aufhören, bin ich auch sehr gespannt, wie es in diesem Land nach der Ära Merkel weitergehen wird. Dass die Herausforderungen der kommenden Jahre gigantisch sind, unser Alltagsleben sich gravierend ändern muss und die ganze Sache auch noch richtig teuer werden wird, steht glaube ich außer Frage.

Entsprechend enttäuscht bin ich vom Rumgeeiere der Parteien, die – mal mehr, mal weniger – so tun, als könnten wir uns in irgendeiner Form aus der Verantwortung stehlen. Der ebenso kluge wie humorvolle Meteorologe Sven Plöger sagte mal, dass die Klimaveränderungen nichts als Physik seien und mit Physik könne man nicht verhandeln. Punkt.

Wir wissen ganz genau, was wir tun müssen und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass es in den Köpfen der Entscheider immer noch nicht so richtig angekommen ist – mal mehr, mal weniger. Ganz so, als hätten sie Angst, das auszusprechen, was in großen Teilen der Bevölkerung gefühlt schon längst Konsens ist: Nämlich, dass wir handeln müssen, schnell handeln und dass die ganze Sache wirklich teuer werden wird.

Ich selbst war nie ein Freund von FFF, Luisa und Greta, weil ich deren apokalyptische Erzählungen für komplett kontraproduktiv halte. Kevin Kühnert brachte das Dilemma gestern in einer Lanz-Sendung schön auf den Punkt. Uns fehle die Sprache, um die fatalen Auswirkungen der Klimakrise so zu übersetzen, dass sie die Menschen verstünden, sagte der SPD-Vize. Eine Sprache, die die Menschen mitnimmt, eine Sprache, die Begeisterung auslöst, eine Sprache, die einen Aufbruch formuliert.

Diese Sprache zu finden, haben die Parteien – mal mehr, mal weniger – allesamt verpasst. Richtig ärgerlich werde ich, wenn ich die Spitzenkandidaten von CDU und SPD höre, die eigentlich alles so weiter laufen lassen wollen und ernsthaft glauben, mit beschleunigten Genehmigungsverfahren könne man die physikalischen Gesetze überlisten. Das ist eine Binsenweisheit. Natürlich muss schneller genehmigt werden. Aber wenn das alles ist, was den Herren einfällt, dann bin ich nicht nur maßlos enttäuscht, dann bin ich wütend und fühle mich verarscht und hilflos.

Haben die GRÜNEN es so viel besser gemacht? Nö. Die bekommen es immer noch nicht hin, dem Bürger zu vermitteln, dass wir auch diese Herausforderung schaffen können. Wer denn sonst, wenn nicht wir? Aber Lieschen Müller und Max Mustermann fragen sich zuallererst, ob sie den Sprit in zwei Jahren noch bezahlen können, wie es mit ihrem Mallorca-Urlaub aussieht und ob man ihnen ihr Nackensteak beim verdienten Grillabend vom Rost schmeißen wird. Die GRÜNEN stehen weiterhin für Verbote. Für idiotisch behelmte Lastenradfahrer, für Genderkram-Nebenschauplätze und für leicht weltfremde Besserverdienende in schicken Altbauwohnungen in Szenevierteln.

Wisst ihr was? Das ist mir diesmal scheißegal. Ich bin kein großer Freund dieser Partei. Viele ihrer Ideen halte ich für Symbolpolitik, für eine Simulation von Veränderung und für unfreiheitlich. Aber wenn ich mir das Angebot bei dieser Wahl ansehe, habe ich keine Alternative. Einfach, weil man mit Physik nicht verhandeln kann. All die Gegenargumente, dass das ja irgendwie alles bezahlbar sein muss und dass wir für nur 2% der weltweiten Emissionen verantwortlich sind und überhaupt, der Chinese soll doch erstmal anfangen. Und dann der Russe und der Ami. All diese Gegenargumente sind Scheinargumente, egal und greifen nicht mehr.

Irgendwo auf Twitter las ich neulich einen Tweet, der die Situation schön zusammenfasste. Sinngemäß lautete er: Wenn man aus dem Flugzeug fällt, diskutiert man nicht, was der rettende Fallschirm kosten würde.

Und das ist unsere aktuelle Situation: Wir sind im freien Fall. Und wir brauchen einen rettenden Fallschirm. Egal, was er kostet. Wir schaffen das. Wir müssen.

Deswegen werde ich am Sonntag zur Wahl gehen und mein Kreuz bei jenen machen, die mir am ehesten das Gefühl eines Fallschirms geben. Auch, wenn das im Anschluss vielleicht eine Veränderung meines Lebensstils zur Folge hat. Und all die anderen Argumente über das Alter von Kandidaten, deren Regierungserfahrung oder irgendwelche albernen Lebenslauf-Beschönigungen, sind mir völlig egal. Wer seine Wahlentscheidung davon abhängig macht, ob die Kandidatin Mitglied oder Fördermitglied bei Greenpeace war, hat den Ernst der Lage nicht verstanden. Der Physik ist es egal.