Alben fürs Leben: Wir kommen um uns zu beschweren von Tocotronic

Heute schreibe ich in der kleinen Reihe „Alben fürs Leben“ etwas über Tocotronic.

Als es Mitte der 1990er Jahre mit der Hamburger Schule so richtig los ging, da war es einfach nicht meine Zeit. Mitte der 1990er Jahre lief ich mit hochtoupierten Haaren, kreuzbehangen und in Schnallenschuhen über Friedhöfe – war also bereits optisch der größtmögliche Gegensatz zu den Trainingsjacken- und Cordhosenträgern aus Hamburg. Wenn überhaupt holte mich noch der Song Was hat dich bloß so ruiniert von der Band Die Sterne ab. Aber Tocotronic? Nee, die waren mir damals zu dreckig produziert, zu krachig.

Es dauerte bestimmt noch zehn Jahre, aber ich denke etwa zu Mitte der Nullerjahre sprang ich dann auch auf den Tocotronic-Zug. Ganz besonders hat mich dabei das Album „Wir kommen um uns zu beschweren“ beeindruckt. Und ich höre es auch heute noch extrem gern, sehr zum Leidwesen meiner besten Ehefrau.

Die 16 Songs sind herrlich schrammelig produziert, es gibt viele schnelle, wütend rausgerotzte 2-Minuten-Punkrocksongs und einige runtergeslowte und in epischen Walls of Sound endende Feedbackorgien.

Die mag ich am allerliebsten. Die beste Ehefrau mag die am allerwenigsten. Songs wie So jung kommen wir nicht mehr zusammen oder das tottraurige Ich möchte irgendwas für dich sein machen etwas mit mir. Diese gelangweilte, wütende, arrogante und hoffnungslose Attitude nimmt mich komplett mit. Casper – den ich neulich ebenfalls vorstellte – sind in einem Stück Vielleicht liegt der Sinn darin, einfach aufzugeben. Tocotronic zeigen in ihren langsamen Stücken, wie das Aufgeben denn musikalisch klingen könnte.

Aber auch die rausgerotzten Punkrocksongs haben ihre Qualität. Und natürlich hat auch dieses Album wieder einen ganzen Schatz an zitierbaren Slogans – eigentlich könnte man jede zweite Zeile mit Autolack an Hauswände sprühen und immer läge man damit richtig: Es gibt eine Herzlichkeit jenseits von Jonglieren!

Manchmal ärgere ich mich etwas, dass ich den großen Hype um diese Band nicht als Studi zelebriert habe, so richtig mit Joggingjacke, Cordhose und Hornbrille. Wobei ich denke, dass sich der Weltschmerz von Studis in zu kleinen Vitamalz-T-Shirts nur unwesentlich von dem der schwarz tragenden Gothics unterscheidet. Beide Gruppen denken, sie haben die Weisheit mit Löffeln gefressen, beide blicken immer ein wenig weinerlich aus der Wäsche, verachten den Mainstream uns spielen viel zu viel mit Ironie.

Eigentlich sind Tocotronic nämlich nichts anderes als schlecht angezogene Gruftis ohne Todessehnsucht. Und vielleicht mag ich sie deshalb so gern.

Alben fürs Leben: XOXO von Casper

Neulich schrieb ich ja einen kleinen Artikel über ein Album, dass mich sehr stark geprägt hat. Eigentlich war er nur als Replik auf einen Beitrag bei Mobilegeeks gedacht, in dem es darum ging, dass die Geschichten, warum uns gewisse Platten oder Songs so sehr berühren, oft viel zu kurz kommen.

Auf jeden Fall hat mir das Schwelgen in Erinnerungen so gut gefallen, dass ich da gern weitermachen möchte und euch erneut etwas über eines meiner absoluten Lieblingsalben zu erzählen. Heute soll es um Casper gehen.

Es muss irgendwann 2011 gewesen sein, aber ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wie ich erstmalig auf Casper aufmerksam wurde. Wahrscheinlich ist, dass ich irgendwo im Netz irgendetwas las und ich mir deshalb das Album XOXO bestellte. 2011 war ich Ende 30, verheiratet und lebte mit der Ehefrau in einer schönen Wohnung in Dortmund-Hörde. Mein Weg zur Agentur, in der ich mein Redaktionsvolontariat gemacht hatte und als Redakteur angestellt war, betrug keine drei Kilometer Luftlinie. Wir hatten einen Schrebergarten und vielleicht war nicht immer alles nur schlecht, damals. Ich hatte mich in dieses Erwachsenenleben eingerichtet. So, wie viele andere auch. Zwar zwickte dieses eingerichtete Leben immer ein wenig – so wie ein Splitter, der kaum sichtbar aber mehr oder weniger ständig spürbar ist – aber so muss es halt sein, dachte ich.

Und dann schob ich irgendwann die frisch gekaufte CD in den Player und sie ballerte mich weg. Bereits der bombastische zweiteilige Opener Der Druck steigt (Die Vergessenen Pt. 1)/Blut sehen (Die Vergessenen Pt. 2) schrie mir das Elend meiner Generation ins Gesicht. Wir scheitern immer schöner, sind Versager mit StilTragen schwarz jeden Tag bis es was dunkleres gibt oder auch Gibt eh nicht mehr viel zu verlieren fassten meine Stimmung in die passenden Zeilen. Worte wie Faustschläge. Mitten in die Fresse.

Das ganze Album ist ein Sammelsurium von Zitaten. Und obwohl Casper durchaus einen Rap-Hintergrund hat und dieses Album irgendwie auch als Rap durchgehen kann, sind viele dieser Zitate aus der Popkultur, dem Indie- und Rock-Bereich: The Smiths, Joy Division, Coldplay, Thees Uhlmann, Nirvana oder auch Quentin Tarantino tauchen auf.

Umso erstaunter war ich, als ich ein paar Monate später auf ein Konzert ging und in der Einlassschlange von 15-jährigen Mädels umgeben war? Ich frage mich noch heute, was sie an dieser Musik und an diesen Texten finden, die sich vielfach um den Verlust der Jugend, um Alltag, Miete, Kita-Platz, 9to5-Job und um verlorene Träume drehen. Weit weniger erstaunt hat mich dann die Tatsache, dass einiger meiner alten Wave- und Gothic-Freunde ebenfalls auf dieses Album abfuhren. Casper hatte wirklich die Sprache einer Generation getroffen. Einer Generation, die irgendwie im Leben steht und genau darunter leidet.

Highlights gibt es wenige – das ganze Album ist ein kompaktes Juwel. Mir fallen wirklich wenig Alben ein, die in ihrer Gesamtheit so monolithisch gut sind – vielleicht Disintegration von The Cure, vielleicht A rush of blood to he head von Coldplay, vielleicht die Alben von Portishead.

Casper hat seitdem zwei weitere Alben rausgehauen, die mich leider nicht mehr abholten und auch objektiv nicht an die Qualitäten von XOXO heranreichten. Hinterland kam 2013 auf den Markt und das war dann das Album für die 15-jährigen Mädchen. Mit viel Chören und Schallalaaahh und uuhhhooohh und so. Vier Jahre später erschien Lang lebe der Tod, featuring Blixa Bargeld, Drangsal, Sizarr. Hätte was geben können. Einige Lieder, wie etwa der Titelsong, sind wirklich toll, aber irgendwie wirkt die Platte auf mich zu zerstückelt. Als hätte der Casper nicht so recht gewusst, wo er eigentlich hinwollte, damals Mitter der Zehnerjahre. Aber vielleicht ist das gerade auch wieder ein Symptom der Zehnerjahre.

In diesem Sinne: Depression war nie tragbar, doch steht uns so gut