Die Montagskolumne: KW 18

Schon wieder eine Woche rum. Und eigentlich habe ich keine Ahnung, was in den vergangenen Tagen so alles passiert ist. Zu viel, um alles festhalten zu können. Das Leben rauscht. Und nachdem ich in meinem letzten Beitrag ja eigentlich nix aktuelles geschrieben habe, mich stattdessen lediglich thematisch um Düster-Punk kümmerte, kommt heute wieder einmal die volle Breitseite an Aufregern.

Ukraine
Der russische Angriffskrieg in der Ukraine geht weiter und weiter und täglich werden neue Gräueltaten von Putins Schlächtertruppen aufgedeckt. Menschen sterben, Menschen werden gefoltert, vergewaltigt, verschleppt und um das ganz deutlich zu sagen: Schuld an diesen Verbrechen gegen die Menschlichkeit hat ausschließlich, ohne Wenn und Aber, der russische Präsident. Und ich kann ehrlich gesagt nur mit dem Kopf schütteln, wenn aus intellektuellen Kreisen offene Briefe an den Kanzler geschrieben werden, in denen unter anderem folgendes steht:

„Wir warnen vor einem zweifachen Irrtum: Zum einen, dass die Verantwortung für die Gefahr einer Eskalation zum atomaren Konflikt allein den ursprünglichen Aggressor angehe und nicht auch diejenigen, die ihm sehenden Auges ein Motiv zu einem gegebenenfalls verbrecherischen Handeln liefern…“

Unterschrieben wurde dieser Brief – der auch direkt aus den Druckern des russischen Propagandaministeriums kommen könnte – unter anderem von Alice Schwarzer, Lars Eidinger, Juli Zeh, Reinhard Mey, Martin Walser, Alexander Kluge, Dieter Nuhr und Antje Vollmer.

Ernsthaft Leute? Bloß nichts tun, einfach nur zusehen, wie Russland ein souveränes und halbwegs demokratisches Land überfällt, annektiert und neuen Lebensraum im Westen erobert? Einen Diktator gewähren lassen, weil er droht? So wie 2014, als er die Krim annektierte? Genau solch eine Appeasement-Politik führte zum Grauen des zweiten Weltkriegs.

Ich kann diesen Vulgärpazifismus nicht verstehen. Zumindest nicht von Menschen, die älter als 30 sind und die noch den kalten Krieg und dessen Nachwirkungen miterlebten. „Wir müssen in Verhandlungen gehen, diplomatische Lösungen suchen, Kompromisse machen“, heißt es aus diesen Kreisen. Als hätte es bis zum 25. Februar nicht Verhandlungen über Verhandlungen gegeben. Aber Putin will nicht verhandeln. Und um was sollte man auch verhandeln? Der einzig faire Deal heißt: kompletter Rückzug der russischen Armee und Reparationszahlungen in Milliardenhöhe für die Ukraine.

Ich finde diesen Krieg fürchterlich, aber dieser Krieg wurde der Ukraine, wurde der westlichen Welt aufgezwungen. Und sich nicht zu verteidigen hieße: aufgeben. Hieße: sich unterdrücken lassen. Hieße: einen Despoten gewähren lassen. Aus Angst, aus Feigheit, aus Bequemlichkeit.

Querdenker
Es ist übrigens überhaupt nicht überraschend, dass die querdenkenden Spaziergänger jetzt, nachdem die Impfpflicht vom Tisch ist und die Coronamaßnahmen ausliefen, verstärkt gegen „die Kriegstreiber“ mobil machen. Und in den verschwurbelten Gehirnen dieser Leute, sind die Kriegstreiber natürlich Olaf Scholz, Robert Habeck, Annalena Baerbock und Friedrich Merz. Wer es nicht glaubt, möge sich mal in diversen Telegram-Gruppen umschauen. Es ist widerlich. Und ich habe wirklich Angst, wenn ich sehe, welche Allianzen sich in diesen Gruppen bilden. Wie viel aufgestauter Frust sich dort zeigt. Und wie viel Dummheit, Verschwörungsglaube und latenter Antisemitismus dort von Menschen, die sich selbst als „normale Bürger“ bezeichnen, verbreitet wird. Das ist eine riesige Gefahr für die Demokratie. Und irgendwie hat das niemand auf dem Schirm. Aber ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass uns diese Dagegen-Menschen, noch sehr lange sehr viele Probleme bereiten werden.

Musk und Becker und Rammstein
Und jetzt im Schnelldurchlauf die weiteren Themen der Woche. Elon Musk kauft für 44 Milliarden Dollar Twitter und natürlich verkündeten zahlreiche Twitter-Ultras ihren sofortigen Rückzug von der Plattform, meist mit dem pseudoinformativen Hinweis „Folgt mir nach Mastodon“. Ja. Klar. Ein soziales Netz, dass nach sechs Jahren weltweit gerade mal 5 Millionen Nutzer hat, da will man unbedingt hin. Übrigens: Warum so viele Leute auf einmal etwas gegen einen Twitter-Besitzer namens Elon Musk haben, ist mir immer noch völlig schleierhaft. Irgendwo habe ich was verpasst.

Verpassen tut Boris Becker in den kommenden 15 Monaten auch so einiges, denn er sitzt in einem englischen Knast. Gott, was hat meine Generation ihn damals verehrt. Er war der Grund, warum wir nach der Schule plötzlich alle nachmittags auf dem Schulhof Tennis spielten und so manche Nacht vor der Glotze hingen, wenn irgendwelche Matches der US Open oder der Australien Open um 3.00 Uhr anfingen. Seine Selbstdemontage fing ja schon vor Jahren an, vielleicht sogar schon während seiner aktiven Karriere. Aber das ist jetzt schon ein Tiefpunkt für „unser Bobbele“.

Und dann sind da noch die Jungs von Rammstein, die ein neues Album auf den Markt geworfen haben. Ich habe einmal kurz reingehört und dachte: „Joa, ist halt ein Rammstein-Album“. Ich mag den Comic-Schweinerock der Band beizeiten, habe sie auch vor hundert Jahren mal live gesehen und natürlich habe ich schon immer über die besorgten Linksintellektuellen geschmunzelt, die das Rammstein-Spiel nie verstanden. Seit ein, zwei, drei Alben schreibt das Feuilleton der Republik verstärkt über die Band und erklärt den Oberstudienräten, den Stadttheater-Jahreskartenbesitzer*innen und den Yoga- und Weinliebhaber*innen ausführlich, dass das ja alles total subversiv sei. Mindestens 20 Jahre zu spät. Aber egal. Schön war allerdings eine Rezension im Musikexpress von der zauberhaften Julia Friese, die nicht nur etwas von Musik versteht, sondern auch noch verteufelt gut schreiben kann. Die beste Passage:

„So klingt das, wenn man frei von kultureller Aneignung deutsch singt. Haltet ihr nicht aus? Gut so. Aber seht hin, hört zu was sie damit machen.“

Mehr habe ich heute nicht. Kommt gut durch die Woche. Lebt, liebt, lacht. Seid erwachsen. Kind zu sein, ist viel zu anstrengend.

Und hier der Rausschmeißer der Woche: Die Band, ohne die es heute kein Rammstein geben würde. Laibach. Das mit dem rollenden R und Volk und dem Marschieren, das haben die Slowenen schon vor – oh Gott – 35 Jahren gemacht. Und das war wirklich subversiv, denn der ach so böse Text ist eine – zugegeben: nicht ganz wortwörtliche – Übersetzung des Queen-Songs One Vision.

Die Montagskolumne: KW 11

Neue Woche, alter Shit. In der Ukraine fallen weiterhin die Bomben, Menschen sterben, hungern, frieren. Und man kann nur zuschauen. Und grübeln. Ohne eine Lösung zu finden. Denn eine Lösung scheint es nicht zu geben. Das Töten wird weitergehen. Man grübelt weiter. Und nichts ändert sich. Die Tragik unseres Seins.

Oh, da wollte jetzt mal wieder der zynische kulturpessimistische Misanthrop reingrätschen und vielleicht etwas vom Weltenbrand schreiben, von Atomkriegen und den Vorteilen der totalen Auslöschung der Menschheit, aber ich bin müde. Selbst dazu zu müde. Ich kann das alles nicht mehr ertragen. Deshalb gibt es keine weiteren Ausführungen zur Ukraine. Was sollte man dazu noch schreiben?

Der Einsiedler
Das Wetter war so schön in der vergangenen Woche. Und ich merkte wieder, wie sehr ich die Sonne brauche, um überhaupt irgendwie klarzukommen. Aber die letzte Woche war trotzdem anstrengend. Viel Arbeit auf dem Schreibtisch. Und viele Termine. Dazu ein Job inhouse bei einer Agentur, die ich gerade unterstütze. Was für andere Menschen vielleicht wie eine schöne Abwechslung aus ihrer Homeoffice-Isolation bedeutet, ist für mich mindestens eine große Herausforderung. Fremde Umgebung, fremde Menschen, früh aufstehen: Die letzten zwei Jahre Pandemie haben mich was das angeht um Jahre zurückgeworfen. Ich bin wieder der Eigenbrödler geworden, der ich viele Jahre lang war. Die Amygdala ist 24/7 alarmbereit, selbst meine Träume sind voll mit Gefahren und Bedrohungen und Verfolgung. Entspannen geht kaum. Ich kämpfe um mein Leben, im Schlaf. Ich wache auf und kämpfe weiter.

Der Freedom-Day
Hey, in einer Woche fallen die restlichen Freiheitseinschränkungen und jedes dumme Arschloch kann wieder ohne Maske in den Aldi und seine persönliche Freiheit auskosten. Ich sitze abends sprachlos vor dem Fernseher, sehe die wieder rasant steigenden Infektionszahlen und frage mich, ob das alles so sein kann und darf. Vielleicht hätten all die vernünftigen Menschen einfach jeden Montag gemeinsam mit Altnazis, Hooligans und Reichsbürgern ein paar Fackelzüge vor den Wohnhäusern von FDP-Pseudoliberalen veranstalten sollen, wahrscheinlich wären diese opportunistischen Egomanen dann auch eingeknickt. So aber haben sie sich von ein paar Eso-Schwurblern und Querulanten treiben lassen und jetzt gibt es endlich den Freedom-Day in Germany. Endlich wieder Normalität genießen. Mal abschalten nach den zwei Jahren. Das haben wir uns doch verdient.

Den Rest regelt der Markt.

Fickt euch! Fickt euch alle!

Sehr schön übrigens, wie sich die Parlamentarier*innen auch nach dem 20.03. weiterhin eine Masken- und Testpflicht im Bundestag genehmigen. Also während ab Anfang April unsere Schüler*innen ohne Masken und ohne anlasslose Tests tagtäglich sechs Stunden in ein Miniklassenzimmer eingepfercht werden, schützt sich die politische Kaste weiterhin vor einer Infektion. Ich kann das nicht mehr nachvollziehen.

FDP-Versagen
Ach, zu den Knallpfosten der FDP fällt mir noch ein weiteres schönes Beispiel des Versagens auf operativer und kommunikativer Seite hier aus NRW ein. Bis 2030 will die bisherige Regierung aus CDU und FDP die Stromproduktion aus Windkraft verdoppeln. Um dieses Ziel wissenschaftlich zu untermauern, hat der FDP-Hoschi Andreas Pinkwart, Energieminister hier in NRW, eine Studie beim Landesamt in Auftrag gegeben. Dummerweise kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass die tollen Ziele der schwarz-gelben Landesregierung nicht zu erreichen sein werden. Eine angekündigte Pressekonferenz sagte der Minister kurzerhand ab. Nachfragen seitens der Presse lehnte er mit der Begründung ab, dass man grundsätzlich keine unveröffentlichten Studien kommentiere.

Um das nochmal zusammenzufassen, weil es inzwischen typisch für ein politisches Agieren ist: Man verspricht den Wählern bestimmte Ziele, gibt eine Studie in Auftrag, die die falschen Ergebnisse zu Tage bringt und dann lässt man diese Studie in der Schublade verschwinden und kommentiert es erst gar nicht. Hier nochmal ausführlich zum Nachlesen. Etwas ganz Ähnliches passierte ja vor einem Jahr oder so, im Rahmen der Corona-Pandemie, mit einer Hamburger Studie zu den Auswirkungen des Präsenzunterrichtes. Die Politik wollte hören, dass Schulen keine Treiber der Pandemie seien. Die Wissenschaft sagte: doch. Die Politik ließ die Studie verschwinden. Dieses Drama könnt ihr hier nachlesen. Und dann frage ich mich ernsthaft, was das alles noch soll, das mit dem Wählen und der Demokratie.

Als Track der Woche deshalb etwas zur Entspannung. Könnt ihr auch zum Einschlafen nutzen. Vielleicht besuchen euch dann ja schöne Träume.

Haltet durch. Bleibt tapfer und klug und hört nicht auf zu atmen. It’s a very, very mad world.