Die Montagskolumne: KW 21

Freitag nach langer Zeit mal wieder eine Lesung mit Ursula absolviert. Irgendwo kurz vor Frankfurt. Ich also am Nachmittag los und die gut 200 Kilometer runter nach Hessen. Die Warn-App Nina verschluckte sich fast, bei all den amtlichen Unwetterwarnungen, die mich auf den 200 Kilometer begleiteten. Aber ich kam an, ich las und ich kam nachts auch wieder gut zurück. Etwas war allerdings spannend.

Auf den letzten Kilometern Richtung Taunusstein, ging es über Landstraßen, durch Wälder und winzige Örtchen, in denen man nicht tot übern Zaun hängen möchte. Und wie ich da so langfuhr, erinnerte mich alles, alles, alles an meine Anreise zur Reha in Bad Zwesten vor ein paar Jahren. War ja auch in Hessen. Sah exakt so aus. Hinter jeder Kurve dachte ich, dass da jetzt gleich ein Klinikbau aus den 1980er Jahren auftauchen müsste. Aber es war nicht nur ein Erinnern, ich fühlte die Stimmung von damals. Die Erschöpfung, die Skepsis und Angst, die Erleichterung, für ein paar Wochen Verantwortung abzugeben und die Hoffnungen, die ich damit verband. Das war sehr spannend zu beobachten. Krass, wie sehr sich manche Situationen, Gefühle und Stimmungen ins Gedächtnis einbrennen und dann beizeiten aufploppen.

Die Lesung selbst war schön. Aufmerksames Publikum, unsere Texte passten, hier und da ein Lacher. Was will man mehr als Autor?

Was war denn sonst so los in der vergangenen Woche? Ein paar Unwetter zogen über NRW hinweg und hinterließen einmal mehr Schneisen der Zerstörung. Aber es wird immer noch genügend Menschen geben, die solche Ereignisse keinesfalls mit dem Klimawandel in Verbindung bringen und sie stattdessen als gelegentlich auftretende Wetterphänomene erklären. Das „gelegentlich“ aber inzwischen „häufiger“ oder sogar „regelmäßig“ bedeutet, will keiner sehen. Also wird weiter gegen alles genölt, was von den Bündnisgrünen kommt, alles lächerlich gemacht, alle Verantwortung auf China und Russland und die USA abgewälzt. Aber vielleicht ist der Krieg um die Ukraine letztendlich ein Gamechanger. Wir bewegen uns auf einmal in einer Geschwindigkeit hin zu den erneuerbaren Energien, zur Solardachpflicht, zu mehr ÖPNV – das wäre vor ein paar Monaten noch undenkbar gewesen. So schnell kann es dann doch gehen, wenn es schnell gehen muss.

Und sonst? Die Fußballer von Eintracht Frankfurt gewinnen irgendeinen Pokal in Europa. Und Berlin spielt gegen Hamburg um den Ab- bzw. Aufstieg in die erste Bundesliga. Drei Clubs, die mir egaler nicht sein könnten. Die sind irgendwie so Füllmaterial für die Liga. Da gibt es ja immer die Spitzenclubs – München, von mir aus Dortmund, Leipzig, Leverkusen. Dann in jeder Saison: ein, zwei Schießbudenclubs, die mit großem Abstand am Ende der Tabelle stehen und die es maximal dreimal in der Saison schaffen, gegen einen „großen“ Gegner einen Punkt zu holen. Und dann eben noch jene Vereine, die immer dabei sind, aber so viel Spaß machen, wie eine graue Maus in der Dämmerung an einem Novembernachmittag. Im Nieselregen. Vor der Betonwand eines Parkhauses. Das sind Vereine wie Wolfsburg, Stuttgart, Frankfurt oder auch Bochum. Gehören irgendwie dazu, aber lieben kann man sie nicht. Es sei denn, man kommt aus einer dieser Städte. Das kann man sich dann nicht aussuchen. Ist aber trotzdem traurig.

Viel mehr habe ich in dieser Woche nicht zu berichten. Alles rauscht vorbei. Kaum etwas kann ich halten. Egal. Es kommen auch wieder andere Zeiten.

Als Song der Woche mal ein durchgeknallter Schlager. Kommt gut durch die Woche, genießt die Sonne und träumt von Capri.

Die Montagskolumne: KW 20

Ein Wochenende der Entscheidungen, ich glaube, so kann man es nennen, wenn man sich anschaut, was an diesem Wochenende alles auf dem Spiel stand und steht und bestimmt auch noch einige Tage stehen wird. Aber der Reihe nach.

Gestern Nachmittag fieberte man in Essen dem letzten Spieltag in der vierten Fußballliga entgegen. Traditionsclub Rot Weiß Essen konnte mit einem Sieg in die ersehnte dritte Liga (und damit in den Profi-Bereich) aufsteigen. Musste aber selbst gewinnen. An zweiter Stelle: die Preußen aus Münster, die schon den kleinsten Ausrutscher der Essener hätten für sich nutzen können. Doch Essen siegte, Münster auch, aber nicht hoch genug, großes Kino an der Hafenstraße. Warum allerdings Fußballfans bei solchen Siegen immer komplett durchdrehen müssen, das Stadion auseinandernehmen, obwohl dort heute die Damen-Bundeligamannschaft der SGS Essen um den Klassenerhalt spielen sollte, wird mir auf immer ein Rätsel bleiben. Ja, klar: Emotionen und so. Aber Freudentaumel und Asi-Sein liegen manchmal ziemlich dicht beieinander. Für die Mannschaft, für die Region freut mich der Aufstieg trotzdem.

Gestern Abend dann der Eurovision Song Contest – ESC – aus Turin. Und es war wie immer: viel Kitsch, viel Pathos, ein paar Absurditäten und am Ende liegt Deutschland am Ende. Dass die Ukraine mit ihrem Song beim Publikum ganz vorne lag, war abzusehen. Dass sich einige Kommentatoren in den Sozialen Medien darüber aufregten, auch. Die ganzen Sprüche, warum Deutschland keine Freunde in der Welt hat: auch wie in jedem Jahr. Hihihi, 2. Weltkrieg und so. Und natürlich: We are all different but the same, Diversity, Queerness, Awareness, diesmal sogar ein wenig Mental Health. Alles wichtig, alles richtig. Aber auch extrem ritualisiert, unoriginell und selbstreferenziell. Man feiert eine Vielfalt ab, die bei Tageslicht betrachtet gar nicht vielfältig ist und vor allen Dingen feiert man sich selbst als Community, als Bubble, als wenig durchlässiges System ab. Und trotzdem schaue ich es mir jedes Jahr an, habe Spaß und ärgere mich gleichzeitig.

Und dann war da heute ja noch die Landtagswahl NRW. Die CDU gewinnt überraschend deutlich, die SPD verliert deutlich, die FDP wurde nahezu vom parlamentarischen Hof gejagt und die Grünen schießen nach oben. Realistisch wird es nun eine schwarz-grüne Regierung in Düsseldorf geben. Und ehrlich gesagt hätte es deutlich schlimmer kommen können. Rot-Grün hat es in der vorletzten Legislatur verkackt (man erinnere sich nur an das Bildungsdesaster unter Ministerin Löhrmann), Schwarz-Gelb hat es in der letzten Legislatur verkackt. Und da ganz besonders die liberalen Minister:innen Stamp und Gebauer. Insofern ist die Kombi Schwarz-Grün vielleicht gar nicht so schlecht. Aber je älter ich werde, desto gelassener werde ich bei Wahlergebnissen. Es kommt, wie es kommt. Wunder werden nicht geschehen und untergehen wird das Land auch nicht.

Genug der Worte über Entscheidungen. Es könnten noch weitere folgen, denn meine vergangene Woche war sehr aufregend und spannend, aber not today!

Immerhin: Die Sonne ist da und ich kann wieder im Gartenoffice schreiben. Kommt gut durch die Woche, steckt euch nicht an, bleibt zuversichtlich, froh und kindlich.

Als Song-Rausschmeißer mal etwas Metal. Bin ich ja mit aufgewachsen. Geht immer. Und egal was ich auch tue, ich kriege die Wut sowieso nicht aus dem Balg.