Der Herbst kriecht

Ein paar Tage im Kloster Arenberg verbracht. Liebe gefühlt und Annahme und Bereicherung. Und trotzdem kann ich auch nach – keine Ahnung 20 Aufenthalten dort – nicht wirklich gut mit so etwas umgehen. Diese Zuwendung kommt irgendwie, irgendwo im Herzen an, schafft es durch stahlbetondicke, alte, graue Haut, wie auch immer sie das schafft, nur um dann vor dem Endgegner zu stehen: Diese Stimme im Innen. Diese nörgelnde, stänkernde, immer Zweifel säende, aus tiefsten Verletzungen und Urängsten entstandene Stimme. Ich kenne keine Zeit in meinem Leben, in dem ich sie nicht hörte.

Man kann es zwischen den Zeilen lesen: Es wird wieder Herbst. Wie toll der Sommer war, wie viel ich da geschafft habe. Aber manchmal habe ich das Gefühl ich kann nur hochtourig laufen. Sobald ich den Fuß vom Gaspedal nehme, würge ich den Motor ab. Dann stehe ich wieder etwas unbeholfen auf dem Standstreifen rum, sehe die Menschen an mir vorbeirasen und alles, alles, alles, was vor ein paar Monaten so prima funktionierte, ist nun ein paar Leben weit weg. So geht es mir oft, am Anfang des Herbstes. Es ist, als müsste ich mich erst wieder an die Dunkelheit, ans Frieren und an den Stillstand gewöhnen.

In den vergangenen Tagen nach langer Zeit mal wieder slither.io gespielt. War vor ein paar Jahren mal drei Minuten lang der heiße Scheiß im Internet: Du steuerst einen kleinen Wurm über eine Fläche und musst Punkte fressen. Dann wirst du länger. Auf dieser Fläche tummeln sich aber noch viele andere Würmer, die darfst du nicht berühren, ansonsten löst du dich wieder in Punkte auf, die die anderen fressen können. Ein Ziel gibt es bei dem Spiel nicht. Einfach wachsen und durchhalten. Welch eine schöne Metapher für unsere Leben: Du wurstelst dich so durch die Fläche, frisst, wirst größer, bist immer auf der Hut vor anderen Würmern, größeren, schnelleren, angriffslustigeren. Und am Ende bist du kaputt.

Viel Netflix in den vergangenen Wochen. Midnight Mass hat mich begeistert. Squid Game fand ich auch super. Vielleicht schreibe ich demnächst noch etwas dazu. Wenn ich mich ein wenig mit dem Herbst angefreundet habe.

Gedanken zur Bundestagswahl

Screenshot: Pro7

Sonntag ist es wieder soweit. Und neben der puren Freude, dass dann endlich die ganzen Wahlarenen, Klartext-Runden und Trielle im TV aufhören, bin ich auch sehr gespannt, wie es in diesem Land nach der Ära Merkel weitergehen wird. Dass die Herausforderungen der kommenden Jahre gigantisch sind, unser Alltagsleben sich gravierend ändern muss und die ganze Sache auch noch richtig teuer werden wird, steht glaube ich außer Frage.

Entsprechend enttäuscht bin ich vom Rumgeeiere der Parteien, die – mal mehr, mal weniger – so tun, als könnten wir uns in irgendeiner Form aus der Verantwortung stehlen. Der ebenso kluge wie humorvolle Meteorologe Sven Plöger sagte mal, dass die Klimaveränderungen nichts als Physik seien und mit Physik könne man nicht verhandeln. Punkt.

Wir wissen ganz genau, was wir tun müssen und trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass es in den Köpfen der Entscheider immer noch nicht so richtig angekommen ist – mal mehr, mal weniger. Ganz so, als hätten sie Angst, das auszusprechen, was in großen Teilen der Bevölkerung gefühlt schon längst Konsens ist: Nämlich, dass wir handeln müssen, schnell handeln und dass die ganze Sache wirklich teuer werden wird.

Ich selbst war nie ein Freund von FFF, Luisa und Greta, weil ich deren apokalyptische Erzählungen für komplett kontraproduktiv halte. Kevin Kühnert brachte das Dilemma gestern in einer Lanz-Sendung schön auf den Punkt. Uns fehle die Sprache, um die fatalen Auswirkungen der Klimakrise so zu übersetzen, dass sie die Menschen verstünden, sagte der SPD-Vize. Eine Sprache, die die Menschen mitnimmt, eine Sprache, die Begeisterung auslöst, eine Sprache, die einen Aufbruch formuliert.

Diese Sprache zu finden, haben die Parteien – mal mehr, mal weniger – allesamt verpasst. Richtig ärgerlich werde ich, wenn ich die Spitzenkandidaten von CDU und SPD höre, die eigentlich alles so weiter laufen lassen wollen und ernsthaft glauben, mit beschleunigten Genehmigungsverfahren könne man die physikalischen Gesetze überlisten. Das ist eine Binsenweisheit. Natürlich muss schneller genehmigt werden. Aber wenn das alles ist, was den Herren einfällt, dann bin ich nicht nur maßlos enttäuscht, dann bin ich wütend und fühle mich verarscht und hilflos.

Haben die GRÜNEN es so viel besser gemacht? Nö. Die bekommen es immer noch nicht hin, dem Bürger zu vermitteln, dass wir auch diese Herausforderung schaffen können. Wer denn sonst, wenn nicht wir? Aber Lieschen Müller und Max Mustermann fragen sich zuallererst, ob sie den Sprit in zwei Jahren noch bezahlen können, wie es mit ihrem Mallorca-Urlaub aussieht und ob man ihnen ihr Nackensteak beim verdienten Grillabend vom Rost schmeißen wird. Die GRÜNEN stehen weiterhin für Verbote. Für idiotisch behelmte Lastenradfahrer, für Genderkram-Nebenschauplätze und für leicht weltfremde Besserverdienende in schicken Altbauwohnungen in Szenevierteln.

Wisst ihr was? Das ist mir diesmal scheißegal. Ich bin kein großer Freund dieser Partei. Viele ihrer Ideen halte ich für Symbolpolitik, für eine Simulation von Veränderung und für unfreiheitlich. Aber wenn ich mir das Angebot bei dieser Wahl ansehe, habe ich keine Alternative. Einfach, weil man mit Physik nicht verhandeln kann. All die Gegenargumente, dass das ja irgendwie alles bezahlbar sein muss und dass wir für nur 2% der weltweiten Emissionen verantwortlich sind und überhaupt, der Chinese soll doch erstmal anfangen. Und dann der Russe und der Ami. All diese Gegenargumente sind Scheinargumente, egal und greifen nicht mehr.

Irgendwo auf Twitter las ich neulich einen Tweet, der die Situation schön zusammenfasste. Sinngemäß lautete er: Wenn man aus dem Flugzeug fällt, diskutiert man nicht, was der rettende Fallschirm kosten würde.

Und das ist unsere aktuelle Situation: Wir sind im freien Fall. Und wir brauchen einen rettenden Fallschirm. Egal, was er kostet. Wir schaffen das. Wir müssen.

Deswegen werde ich am Sonntag zur Wahl gehen und mein Kreuz bei jenen machen, die mir am ehesten das Gefühl eines Fallschirms geben. Auch, wenn das im Anschluss vielleicht eine Veränderung meines Lebensstils zur Folge hat. Und all die anderen Argumente über das Alter von Kandidaten, deren Regierungserfahrung oder irgendwelche albernen Lebenslauf-Beschönigungen, sind mir völlig egal. Wer seine Wahlentscheidung davon abhängig macht, ob die Kandidatin Mitglied oder Fördermitglied bei Greenpeace war, hat den Ernst der Lage nicht verstanden. Der Physik ist es egal.