Keine Challenge sondern eine Geschichte

Neulich schrieb der Casi drüben auf Mobilegeeks mal wieder einen sehr lesenswerten Kommentar, der mich ins Grübeln gebracht hat. Es ging um die verschiedenen Challenges, an denen zurzeit gefühlt jeder Zweite teilnimmt.

Poste zehn 10 Albumcover, die deinen Musikgeschmack stark beeinflusst haben. Ein Album pro Tag. Keine Erklärung, keine Bewertungen, nur Cover.

Das Gleiche gibt es dann für die etwas intellektuelleren User auch noch mit Filmen und wahrscheinlich auch mit Büchern.

Carsten und ich sind uns im echten Leben noch nie so richtig begegnet, aber ich bin ein riesiger Fan seiner Blogbeiträge und Facebookpostings, die mich sehr häufig emotional abholen, beizeiten zum Lachen bringen und mir gelegentlich neue Sichtweisen nahebringen. Doch genug der Lobhudelei. In seinem Artikel auf Mobilegeeks schreibt Carsten, dass er es schade findet, bei all diesen Challenges eben nicht die Geschichten zu erfahren, die hinter den Lieblingsalben der User stecken.

Ich finde den Gedanken ganz charmant, einfach mal ein paar Sätze über wichtige Musikalben in der eigenen Biografie zu schreiben. Und da mir das für ein Facebookposting zu lang erscheint und ich in diesem Blog hier sowieso jeden thematischen Rahmen pulverisiere, schreibe ich euch jetzt einfach ein paar Sätze zu einem sehr, sehr wichtigen Album in meinem Leben. Und falls es euch gefällt, kann ich gerne noch weitere Geschichten zu weiteren Alben liefern. Ihr könnt das ja in die Kommentare schreiben, ob ihr Bock auf mehr ganz persönliche Musikbesprechungen habt. Aber jetzt lege ich wirklich mal los.

Wenn ich an wichtige Alben in meinem Leben denke, drifte ich fast zwangsläufig in die Zeit der späten Jugend und der frühen Adoleszenz. Ich nehme euch jetzt mal mit in die Zeit Anfang der 1990er-Jahre. Ich bin gerade 18 geworden und das Abi steht ebenso vor der Tür wie mein erstes eigenes Auto – ein nahezu schrottreifer, grasgrüner Opel Kadett D, gekauft von einem türkischen Verbrecher Autohändler. Aber das war mehr als genug, denn die Karre bedeutete Freiheit. Sie bedeutete Discobesuche, Konzertbesuche und Fluchten. Und flüchten musste ich oft. Als Grufti im Ruhrgebiet Anfang der 1990er-Jahre lebte man vielleicht ein klein wenig unverstandener als die Gothic-Kids von heute, die jährlich ihre TV-Liveübertragungen vom Wave-Gothic-Treffen in Leipzig auf RTL2, 3Sat und den MDR bekommen.

Ich schweife ab. Im Kassettendeck des Kadetts drehte sich damals sehr häufig das Album „Morpheus“ der deutschen Band Blessing in Disguise. Musikalisch würde man den Sound heute wohl als klassischen Gitarrenwave bezeichnen. Also schöne, melancholische Rocksongs mit breiten Synthieflächen. Vergleiche zu Bands wie The Mission, The Chameleons oder Echo and the Bunnymen kann man gefahrlos ziehen, aber leider haben es Blessing in Disguise nie geschafft, sich nachhaltig in die toupierten Köpfe der Szene zu spielen. Im Gegenteil, selbst im Jahr 2020, ist die Band so underrated und undergroundig, dass es noch nicht einmal einen Wikipediaeintrag gibt.

Aber Morpheus hat mich damals echt an die Wand gespielt. Insbesondere der Song „Like porpoises“ sorgt bei mir auch heute noch für Gänsehaut. Wenn ich das Album höre, habe ich immer eine ganz spezielle Stimmung. Es ist eine Mischung aus Traurigkeit, Sehnsucht und Glück. Anders als „Pornography“ von The Cure oder „Closer“ von Joy Division, die beide absolute Monolithen einer eisig-schwarzen Trauer sind, ist „Morpheus“ eher so etwas wie das Sommerurlaubsalbum für Gothics. Und in der Tat verbinde ich mit Blessing in Disguise auch ein, zwei, drei Sommerurlaube ohne Eltern. Urlaube mit allem was im Alter von 17, 18, 19 dazugehört: eine Urlaubsliebelei, Nächte am Strand mit Schnaps und Rotwein und Freunden und der Ahnung, dass dieses Gefühl der Freiheit nicht mehr lange anhalten würde. Wenn es so etwas wie eine Schönheit der Traurigkeit gibt, auf „Morpheus“ ist sie musikalisch festgehalten.

Die Band löste sich Mitte der 1990er-Jahre schon wieder auf, hinterließ nur zwei, drei Veröffentlichungen, aber ich bin extrem glücklich sie in dieser Zeit sogar live gesehen zu haben. Musikzirkus Dortmund, irgendwann im Winter, in der Zeit zwischen den Jahren. Und noch immer habe ich eine Ansage des Sängers im Ohr. Den Song „Sea of sorrow“ ein monumentales Brett der Schwermut und ebenfalls auf Morpheus enthalten, leitete er mit den Worten „Für alle, die sich Weihnachten etwas anderes gewünscht haben“ ein. Und eigentlich passt das auf das gesamte Album. Es ist für Menschen, die sich irgendwie etwas anderes gewünscht haben. Für ihr Leben, für diese Welt oder halt zu Weihnachten.

Genug der langen Worte, ich muss jetzt mal einen musikalischen Trip in die Vergangenheit machen. Es wird schön. Traurig. Und frei.

Corona immer wieder Corona

Gestern stellte ich meinen Facebookfreunden die Frage, über was ich denn als nächstes bloggen solle, mir selbst fiele gerade kein Thema ein. In den Antworten waren gleich mehrere Vorschläge bzw. Fragen rund um das Thema Corona. Es ist offensichtlich: Das Virus und seine Folgen bestimmen zurzeit unser aller Leben. 24/7/365.

Was mir helfen würde, meinen Alltag zu strukturieren, war eine dieser Fragen, die sich auf Facebook sammelten. Die Antwort fällt mir leicht:

Nichts.

Mir hilft zurzeit nichts. Mein Alltag ist seit sechs Wochen ein einziger Block. Eine Zwischenzeit. Alle Strukturen haben sich aufgelöst. Es fiel mir ja schon zu coronafreien Zeiten schwer, mir Strukturen zu schenken. Aber zumindest gab es damals, Anfang des Jahres, die Idee einer Struktur. Mit wöchentlichen Fixpunkten im sozialen Leben, mit Sport, mit Urlaubsplänen. Jetzt ist da nichts mehr. Konkret bedeutet das, dass ich irgendwann vormittags aufstehe – meist so zwischen zehn und elf – und nachts viel zu spät ins Bett gehe, weil ich sowieso nicht einschlafen kann. Dazwischen passiert wenig. Und was passiert ist belegt mit Ängsten und Vorsicht, die so zentnerschwer auf meine Schultern drücken, dass ich meist auch am Mittag noch ein wenig auf dem Sofa döse. Schlaf ist gut, weil Schlaf ist nicht-denken-müssen. Der Schlaf ist Zu-(Flucht).

Und Flüchten muss ich vor so vielem in diesen Tagen. Alles bewegt sich so schnell, überall ist Veränderung und immer muss man zu allem eine Meinung haben. Habe ich aber zu ganz vielen Themen gar nicht. Ich weiß nicht, wann genau der beste Zeitpunkt ist, Schulen, Kitas, Kneipen und Möbelhäuser zu öffnen. Und ob es ihn überhaupt gibt. Vielleicht gibt es ganz viele beste Zeitpunkte. Für unterschiedliche Branchen, Menschen, Berufsgruppen. Aber ich habe Angst, wenn ich die Bilder der Warteschlangen vor IKEA sehe. Eine Angst, die sich durch die zunehmenden Lockerungen eher verstärkt.

Und die Diskussionen in den Talkshows, den Zeitungen, auf Twitter und Co. machen mich nur noch viel müder. Die Frequenz, mit der zurzeit die Säue durchs virtuelle Twitterdorf gejagt werden, hat sich noch einmal erhöht. Man kommt nicht mehr mit. Boris Palmer muss man doof finden und Dieter Nuhr und Donald Trump sowieso, und jetzt auch Laschet und Gebauer (die zurecht) und Attila Hildmann und alle Virologen, weil die uns ja täglich etwas anderes vorlügen, und die Heute-Show, und Xavier Naidoo hat auch noch etwas gesagt, was so nicht geht, und genau heute dachte ich unter der Dusche, dass es niemals einen Marshallplan gegeben hätte, wenn statt der Siegermächte die Twittercommunity über die Zukunft des deutschen Volkes entschieden hätte.

Fehler zu machen, sich falsch zu äußern oder einfach mal Mist zu erzählen, das wird heute nicht mehr einfach so verziehen. Da hat heute ziemlich schwere Konsequenzen. We are living in the age of Pharisäer. Und man lebt eigentlich täglich nur ein, zwei Sätze davon entfernt, zur Persona non grata erklärt zu werden.

Aber genug Wut verspritzt – sie trifft eh nicht die richtigen Idioten. Und sie wird von den falschen Idioten beklatscht.

Wie es danach aussehen würde, war eine weitere Frage auf Facebook. Ich weiß es doch auch nicht! Ich weiß noch nicht einmal, wie meine ganz persönliche Zukunft in ein paar Monaten aussehen wird. Ich hoffe und ich befürchte. Aber ich glaube nicht, dass sich die Gesellschaft dramatisch verändern wird. Das große solidarische Friede, Freude, Eierkuchen wird nicht kommen. Vielleicht werden ein paar alte Tugenden wieder aufleben. Vielleicht werden ein paar first world problems verschwinden. Aber ich verweise an dieser Stelle mit Freude auf die Zukunftsvision eines anderen Menschen. Matthias Horx ist Zukunftsforscher und hat eine Re-Gnose (im Gegensatz zu einer Prognose) entworfen, die mir an einigen Stellen die Tränen in die Augen treibt. Es wäre schön, wenn …

Aber Halt – was die nähere Zukunft angeht, habe ich doch ein paar Pläne. Nachdem die Onlinelesung von Schwester Ursula und mir so gut angekommen ist, planen wir weitere Onlineaktivitäten und wollen mehr als bei den ZweiSichten in einen Dialog treten. Die Leitungen für Themenvorschläge von euch sind freigeschaltet.

Genug geschrieben. Ich muss schlafenschlafenschlafen.