Der depressive Elefant im Raum


In diesem Blog habe ich ja immer auch über meine Befindlichkeiten geschrieben. Und machen wir uns nichts vor: So richtig geil waren die selten. Ich schrieb über Hängerchen und über meine Reha, über schlechte Phasen und Angst, über Selbsthilfegruppen, ich nutzte Hashtags wie #notjustsad undundund.

Gleichzeitig teile ich auf Twitter und Facebook gern Postings und Tweets über die Entstigmatisierung und Enttabuisierung von psychischen Belastungen bzw. Störungen. Ich folge den Freunden fürs Leben, der Deutschen Depressionsliga und vielen weiteren Akteuren, die sich dafür einsetzen, dass Erkrankten der Alltag ein wenig leichter gemacht wird. Und natürlich verteile ich fleißig Likes, wenn sich wieder einmal ein Promi „outet“ und von seinen psychischen Problemen erzählt. „Super!“, sage ich dann, „Super, das müssten noch viel mehr Leute machen!“

Aber dann bemerkte ich, dass ich selbst „meinem Kind“ hier im Blog auch noch keinen Namen gegeben habe. Der depressive Elefant stand und steht zwar immer im Raum, aber benannt habe ich ihn auch noch nie. „Kann sich ja jeder denken“, dachte ich. Aber so ein klein wenig war da auch immer die Skepsis, ob es denn nicht zu einer Menge Erklärungen, Diskussion und – letztendlich – zweifelnden Kunden führen würde. „Der Kussin hat immer mal wieder depressive Phasen, lassma einen anderen das Magazin planen, lassma einen anderen das Buch schreiben, das Interview führen, lass halt irgendwen anderes den Job machen.“ Klingt bescheuert und völlig aus der Zeit gefallen, aber solche Leute gibt es bestimmt noch. Und es werden gar nicht mal so wenige sein.

Rational ist das natürlich totaler Quatsch und vielleicht ist genau das der Grund, warum der Elefant dann halt doch auch benannt werden sollte. Denn ich krieg das schon alles hin. Die Bücher, die Magazine, die Interviews. Vieles davon sogar – und das kommt mir jetzt nicht leicht über die Lippen – bekomme ich sogar ziemlich geil hin. Dass es mich aber vielleicht dreimal mehr Kraft kostet als einem normalen Menschen – geschenkt. Story of my life. Wenn es um das Durchbeißen, Reinfuchsen und Zähne zusammenbeißen geht, bin ich durchtrainiert.

Doch bevor jetzt jemand einwirft, dass dieser ganze Depri-Kram momentan auch ein ganz heißer Scheiß ist und gefühlt jede Woche irgendein Promi in irgendeiner Talkshow von seinen psychischen Belastungen erzählt, eine kleine Exkursion zur Baseline meines Lebens.

Also, ich habe seit etwa 25 bis 30 Jahren mit depressiven Episoden zu tun. Mal stärker, mal schwächer, mal richtig fies. Und damit bin ich nicht allein. Im Jahr erkranken mehr als 5 Millionen Bundesbürger an dieser Krankheit. Um die Zahl besser einordnen zu können: Da liegen wir im Bereich von Heuschnupfen. Der ist ähnlich oft verbreitet. Geht den meisten Menschen aber deutlich leichter über die Lippen. „Chef, ich komme heute nicht zur Arbeit, weil ich ne Heuschnupfenattacke habe. Meine Nase läuft, ich hab Kopfschmerzen und bin sooo schlapp.“ Check, kein Problem. Aber „Chef, ich komme heute nicht zur Arbeit, weil ich ne depressive Episode habe. Mein Kopf ist leer, ich hab Kopfschmerzen und bin sooo schlapp.“ Fail!

Dazu kommt bei mir noch das Miststück Dysthymie. Eine dauerhafte leichte depressive Störung – nicht so schlimm, dass man tagelang im Bett liegt, aber eine Störung, die so konstant vorhanden ist, dass man sie gar nicht als krankhaft wahrnimmt. War ja schon immer so, kenn ich ja nicht anders. Es fällt schwer, dieses (Lebens-)Gefühl zu beschreiben, aber vielleicht hilft dieser Vergleich:

Man stelle sich die Arbeitswoche von Max Mustermann vor. Er kommt gerade aus dem Urlaub und im Büro läuft es schon länger schleppend. Der Montagmorgen wird für Max also ziemlich schwer. Das Aufstehen ist anstrengend, die Aussicht auf den vollen Schreibtisch im Büro hebt die Stimmung auch nicht und bis zum nächsten Wochenende ist es noch lang. Mit entsprechend gedrückter Laune geht Max unmotiviert bis in die Haarspitzen ins Büro. Zwei Tage später, am Mittwoch, hat sich Max ein wenig eingegroovt. Klar, die Arbeit wird nicht weniger, aber er hat schon gut was weggewuppt und irgendwie sind die Kollegen ja auch ganz nett. Am Freitag dann hat Max echt gute Laune: Das Wochenende steht vor der Tür, alles, was zu erledigen war, ist erledigt und die Aussicht auf das Grillfest bei Lieschen Müller und ihrem Mann Carlos beschwingt Max förmlich. „Das wird super“, denkt sich Max.

Für jemanden mit Dysthymie ist nahezu jeder Tag, wie ein Montagmorgen nach dem Urlaub. Mit Nieselregen. Im November. Egal, ob er im Büro arbeitet oder nicht – der Schreibtisch im Kopf erscheint immer viel zu voll mit Arbeit und To-dos. Du machst und tust und bekommst fast alles hin – aber es kostet so viel mehr Kraft als bei anderen Menschen. Und auch am Freitag stehst du morgens auf und bist schwer und hast keinen Bock aufs Leben und die Aussicht auf das Wochenende hebt deine Stimmung nullkommanull. So geht das 24/7/365. Wobei … nein … wenn es mal richtig gut läuft, die Sonne scheint und du mit nem Bier am Strand einer schönen Insel sitzt, dann fühlt es sich vielleicht an, wie ein Dienstag- oder sogar Mittwochmorgen. So ist das. Jeden Tag. Jede Woche. Jeden Monat. Jedes Jahr.

Und nein: All die vielen tollen Tipps über Bewegung in der Natur, Sport, Tagesstruktur, Meditation und ein positiveres Mindset helfen nicht wirklich. Wir Depressiven wissen ganz genau, was uns gut täte oder tut. Das Wissen ist nicht das Problem. Das Problem ist die Umsetzung. Denn viele von uns sind richtig gut darin, eben nicht das Richtige zu tun, sondern sich zu sabotieren. Weil Wissen und Handeln eben doch zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe sind. Wieder ein kleiner Vergleich: Ihr müsst auch einem Junkie nicht erzählen, dass es ihm total gut täte, Sport zu machen, Achtsamkeitsübungen in seinen Tagesablauf einzubauen und einfach die Finger vom Heroin zu lassen. Das weiß er. Ehrlich. Kein Scheiß. Inzwischen werde ich deswegen auch leicht genervt, wenn ich all diese Insta-Mental Health-Gutmenschen mit ihren pseudodeepen Kalenderspruchweisheiten sehe. Die Umsetzung mag nicht erkrankten Menschen noch irgendwie gelingen, weil deren innerer Schweinhund vielleicht die Größe eines Mopses hat. Bei Erkrankten steht da eine Armee von Schweinehunden. Und es sind allesamt Pitbulls.

Zurück zum Thema, also zu mir. Seit etwa 25 oder 30 Jahren läuft das so bei mir. Ein ganz schön langer Zeitraum und es ist ziemlich tragisch, dass ich locker 20 Jahre überhaupt nicht auf die Idee kam, dass das Leben auch anders sein könnte. Ich bin halt, wie ich bin – melancholischer, nachdenklicher, zynischer, negativer. Die Frage, wo Persönlichkeit und Charakter enden und wo Krankheit beginnt, kommt einem erst im Laufe der – verschenkten – Jahre.

Wie schon oben geschrieben: Ich habe das große Glück (oder die geheime Superkraft), fast immer alles auf die Kette zu kriegen: Geile Bücher zu schreiben, Projekte im Garten umzusetzen, die Spülmaschine auszuräumen, den Müll rauszubringen. Aber – und das ist auch Teil der Wahrheit – es dauert beizeiten sehr viel länger und die Kraft, die ich einsetzen muss, um all dies zu schaffen, fehlt dann halt an anderen Ecken. Die liegen meist im privaten Bereich: Freunde, Freizeit, Hobbies, Entspannung. Das alles kann ich nicht wirklich gut. Stattdessen bin ich super im Netflixen, faul auf dem Sofa liegen, Süßigkeiten fressen, Wein saufen und Kette rauchen. Dysfunktionales Verhalten nennen das die Fachleute. Sprich: Alles, was eigentlich gut für mich wäre, mache ich nicht. Weil Kraft fehlt, weil ich manche Dinge nicht gelernt habe und andere Sachen falsch. Aber inzwischen weiß ich darum und lerne fleißig, dass es auch anders sein kann. Wobei ich mir auch nichts vormache, aus mir wird nie ein strahlend grinsender, erleuchteter, von Liebe durchflossener Mensch werden, weil halt wegen Charakter und so. Meine Ziele sind in den vergangenen Jahren bescheidener geworden – und realistischer. Und das ist gut so.

Warum packe ich das jetzt alles in einen für mich ungewöhnlich langen Blogpost? Will ich Mitleid, Aufmerksamkeit, Likes und Schulterklopfen? Bloß nicht! Also zumindest auf Mitleid und Schulterklopfen kann ich gut verzichten. Aufmerksamkeit? Vielleicht. Sie ist dann okay, wenn (noch) mehr Menschen begreifen, dass Depressionen nichts, gar nichts, überhaupt nichts mit „schlecht drauf sein“, mit Faulheit oder Schwäche zu tun haben. Ganz im Gegenteil! Um tagaus tagein zu fighten braucht es jede Menge Power.

Und wenn dann noch bei einigen Lesern hängenbleibt, dass der Begriff Depression ein megagroßes Spektrum abdeckt, dass Depressive nicht zwingend tagelang rumheulend im Bett liegen, dass Depressive auch hochfunktional sein können, dass sie beizeiten über eure Witze lachen und Bestleistungen erbringen – man erinnere sich an Robert Enke – dann hatte jedes dieser 1403 Wörter seinen Sinn.

So Freunde der Sonne, ich droppe das Mic.

Lest. Lernt. Lebt. Und bleibt wach.

Getting things done


Schon wieder eine Woche rum, seit meinem letzten Blogbeitrag. Und um es ehrlich zu sagen: Es gab schon scheißigere Wochen. Alles lief behäbig dahin, einiges ging mir sogar recht gut von der Hand und Dramen fanden keine statt. Normalität ist die Wollust der Langeweile, schrieb ich mal in einem Text. Und für die letzten Tage passt das also ganz gut. Das Schreiben klappte, im Garten ist der Apfelbaum beschnitten, vorvorgestern jagte ich vier Maschinen Wäsche durch und im Laufe der Woche gelang mir sogar noch die eine oder andere abendliche Walking-Runde, wobei mein Schienbein wieder anfängt zu zwicken. Sagte ich schon einmal, dass alt werden echt kacke ist? Also falls jemand Tipps und Tricks für extremultramega verkürzte Ischios / Hamstrings / Oberschenkelrückseiten hat, immer her damit.

Die Welt
Die Vereinigten Staaten haben einen neuen Präsidenten: super. Über den alten sollten wir auch gar nicht mehr viele Worte verlieren – das ist gut für die Seele. Selbstfürsorge sozusagen. Die Welt ist wieder ein Stückchen besser geworden, was will man mehr. Wer allerdings jetzt denkt, dass von nun an alles gut werden wird, ist ein Träumer. In den vergangenen Jahren sind so viele Wunden geschlagen worden, das wird nie wieder richtig heilen.

Corona dümpelt weiter auf sehr hohem Niveau vor sich hin. Das ist ziemlich schlecht und es wird wohl noch lange dauern, bis wir endlich alle durchgeimpft sind und wieder ein normales Leben führen können. Ach, es ist alles nicht so schön.

Die Medien
Nach ein paar Wochen Lockdown bringen die Medien zunehmend Stories, in denen Otto Normalverbraucher sich beklagen darf, dass ihm die Decke auf den Kopf fällt, dass er sich einsam oder isoliert fühlt, vom Leben abgeschnitten. Sorry, aber ich kann da nur bedingt mitfühlen. Das, was Otto Normalverbraucher da gerade fühlt, das – und bisweilen noch zigfach schlimmer – fühlen Menschen mit Angsterkrankungen, Depressionen oder anderen psychischen Belastungen Tag für Tag. Und da scheren sich die Medien auch nicht sonderlich drum. Das eine ist „Scheiße drauf sein“, das andere ist „Krankheit“. Der liebe Torsten Sträter, der mit den Mützen, mit dem ich noch zusammen im Dortmunder Subrosa am Tresen gestanden habe, hat den Unterschied mal sehr schön pointiert aufgezeigt:

„Scheiße drauf sein, ist wie ein Tatort mit den Muppets: nicht das Gelbe vom Ei, geht aber vorbei. Depressionen hingegen sind wie alle drei Teile ‚Herr der Ringe‘. In Zeitlupe. Mit Jean-Claude van Damme als Gandalf. Und Musik von Andrea Berg. Sie sehen den Unterschied.“

Die Bild
Begeistert hat mich in den vergangenen Tagen die Amazon-Doku Bild. Macht. Deutschland? Ich mochte ja noch nie diejenigen, die sich übertrieben negativ über die Bild echauffieren. Und damit meine ich jetzt nicht all jene, denen die Zeitung egal ist oder die sie einfach scheiße finden. Geschenkt. Man kann auch sagen, dass man Scooter scheiße findet oder Slayer oder Exploitation-Filme oder Groschenromane. Das ist völlig okay. Es ist sogar okay, wenn Sarah Bosetti kommentiert: „Wir müssen uns nicht fragen, ob sich in den Redaktionsräumen der Bildzeitung fast ausschließlich seelenfressende, gewissenlose, hämische, schlechte Menschen aufhalten.“ Oder wenn Max Goldt schreibt: „Die Bild-Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zulässt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.“

Bosetti und Goldt dürfen das, denn es ist ihr Job, Sachverhalte zuzuspitzen. Wenn diese radikale Wortwahl und Haltung aber in den Alltag Einzug hält und von Menschen auf der Straße aufgenommen wird, dann habe ich ein Problem damit. Ich mag Pauschalisierungen nicht. Und schon gar nicht, wenn Menschen aufgrund ihres Jobs gesellschaftlich inakzeptabel sein sollen und schlecht und hämisch und seelenfressend. Zumal ich denke, dass die Leute, die bei der Bild arbeiten, richtig gut ihr Handwerk verstehen. Und so ziehe ich den Bogen wieder zu Scooter und Slayer und den Groschenromanen. Ein wenig ist die Bild nämlich genau so. Sehr laut, sehr präsent, sehr vereinfacht, oft drüber und too much, sehr erfolgreich, mit Titten, mit flachen Inhalten und plakativen Sprüchen. Kurz: Sie bedient ein Genre. Und innerhalb dieses Genres, ist sie sogar verdammt gut. Den Leuten, die dort arbeiten, ein Gewissen abzusprechen oder sie als schmierige Schreiber abzutun, die spalten wollen, ist falsch. Die Amazon-Doku rückt dieses Bild ein wenig gerade.

Und abschließend noch etwas. Natürlich ist dieses Blatt (viel) zu oft über Grenzen gegangen und bisweilen bestimmt auch bewusst. Das machen andere Medien aber auch (ich erinnere nur an den Kommentar in der taz bezüglich Polizisten und Müll und so). Und so prollig-asozial die Bild auch ist, ich würde mir wünschen, dass andere Medien ebenso klare Kante beziehen, wenn es um die Verständigung und Aussöhnung zwischen dem deutschen und dem israelischen Volk geht. Da ist nämlich der gesamte Springer-Verlag vorbildlich. Jeder, der dort arbeitet unterschreibt, dass er sich an einige Grundsätze sogenannte „Essentials“ halten wird. Und in diesen Essentials steht direkt an Punkt 2: „Wir unterstützen das jüdische Volk und das Existenzrecht des Staates Israel.“ Eine klare Haltung, die es in dieser Form in anderen Medienhäusern nicht gibt. Wahrscheinlich müssten taz oder nd ihre Redaktionen halbieren, gäbe es dort diese Grundsätze.

Serien und TV-Tipps
Der Tatort „Das ist unser Haus“ in der vergangenen Woche aus Schtuddgard war verdammt großes Kino. So groß, dass ich ihn mir direkt am kommenden Tag noch einmal angesehen habe. Jeder zweite Satz war zitierfähig und -würdig. Kurz gesagt, geht es um eine Baugemeinschaft, um gewaltfreie Kommunikation, Cleansing und Stuhlkreise. Ah, und um ökologische Fundamentabdichtungen, die teuer und schlecht sind. Hallo Deutschland.

Und sonst?
Ach, ich weiß es doch auch nicht. Komische Zeit in meinem Kopf. Aber ich genieße gerade sehr die abendlichen 15, 20 Minuten auf meiner neuen Akupressurmatte. Und geschneit hat es heute Nacht, ziemlich dolle sogar. Hat für einen Schneemann im Garten gereicht.

Kommt gut in die neue Arbeitswoche, bleibt tapfer und zuversichtlich, der Frühling kommt. Irgendwann.