Die Montagskolumne: KW 3

So, mein Geburtstag ist überstanden und der Tag war sogar ziemlich schön. Ich wurde von der besten Ehefrau toll beschenkt und kann jetzt unter anderem per Babbel ein Jahr lang Niederländisch lernen, kann echt gute Dart-Pfeile werfen und wenn ich darauf keine Lust habe, kann ich an meiner PS3 ein wenig daddeln.
Moment? PS3? Wo doch die PS5 inzwischen auf dem Markt ist? Bin ich immer noch so ein Loser wie früher (da bekam ich meinen ersten Commodore 64, als es ihn bei ALDI und Co gab und all meine Klassenkameraden längst einen Amiga besaßen)? Hänge ich immer noch weit hinterher und „gönne“ mir nur die Reste vom Konsolenmarkt?

Jein.

Ja, die Playsi 3 ist uralt, aber anders als damals beim C64 wollte ich es diesmal genau so haben. Die Idee mir eine Konsole zuzulegen, bzw. schenken zu lassen, war ja sehr spontan und gewagt und ich habe keine Ahnung, ob das Ding nach zwei Tagen in der Ecke stehen wird oder ob ich wochenlang davor versacken werde. Beides liegt im Bereich des Möglichen. Und weil es mir nahezu körperlich weh täte, stünde eine PS4 für 400 Euro als Staubfänger neben dem Fernseher, wollte ich es etwas günstiger haben. Außerdem: Die PS3 kann man – selbst wenn man nicht daddelt – wunderbar als DVD- und Blu-ray-Player nutzen. Dazu hat die PS3 irre viele Spiele, die mich vielleicht nicht komplett überfordern. Und das ebenfalls für ein paar Kröten bei ebay und auf dem Flohmarkt (wenn man denn mal wieder auf Flohmärkte gehen kann). Also hat mir die beste Ehefrau zum Geburtstag eine refurbished PS3 geschenkt, die wir direkt am nächsten Tag bestellt haben. Und jetzt warte ich ganz gespannt. Als ersten Titel habe ich mir The last of us ausgeguckt und noch ein paar Tomb Raider-Titel. Wenn ihr also in der kommenden Woche hier nichts lest, bin ich vor der Konsole verlottert und schleiche mich durch eine Welt voller Zombies oder suche nach irgendwelchen Artefakten im Dschungel.

Eine Welt voller Zombies – dazu muss man aber nicht zwingend eine Playstation haben, da reicht der Gang in den Supermarkt oder durch die Fußgängerzone. Oder ersatzweise ein Blick in die sozialen Medien. Aber darüber habe ich in den letzten Wochen ja bereits ausführlich geschrieben. Den Vogel in dieser Woche schoss aber eindeutig FDP-Politikerin und MdL Franziska Müller-Rech ab. Die schulpolitische Sprecherin der Liberalen ist im Gegensatz zu ihrer Kollegin Gebauer auch auf Twitter und weiteren Netzwerken aktiv und hält beizeiten den Kopf hin, wenn die Scheiße mal wieder besonders tief fliegt. Zu einem – sicherlich auf maximale öffentliche Wahrnehmung zugeschnittenen – Wettbewerb der Landeselternschaft der integrierten Schulen NRW, in dem das kälteste Klassenzimmer des Landes gesucht wird, reagierte die junge Landtagsabgeordnete ein wenig verschnupft.

Ist ja erstmal okay und sogar menschlich, wenn Politiker*innen emotional werden. Allerdings hatte ihr Verweis auf die Handreichung „Richtig Lüften“ des Bundesumweltamtes einen entscheidenden Fehler. Es mag ja noch sein, dass ein fünfminütiges Stoßlüften alle 20 Minuten, die Temperaturen in einem Klassenraum nicht dauerhaft auf 12 Grad absinken lässt. Sie vergisst dabei aber, dass nach jeder Schulstunde der Raum über die gesamte Pause (also 15 Minuten gelüftet werden soll). Und wenn es draußen 2,3 oder 4°C hat, dann kühlt so ein Raum einfach aus.
Und während ich das hier schreibe, merke ich, wie völlig absurd es generell ist, dass auch nach zwei Jahren Pandemie für Schulen offensichtlich nichts getan wurde, außer Handreichungen zum richtigen Lüften zu verfassen. Die Kultusminister*innen dieses Landes tun ja bekanntlich alles, um die Schulen irgendwie offen zu halten. Das sagen sie immer wieder. Mantaartig. Spitzfindigere Meschen als ich es bin, würden allerdings die Worte der Kultusminister*innen mit deren Handeln abgleichen und feststellen, dass eben nicht alles getan wird und sie der Lüge bezichtigen.

Egal.

Dass dann allerdings die gewählte MdL Müller-Rech über ihren offiziellen Twitter-Account anfängt, reihenweise Menschen, größtenteils besorgte und gefrustete Eltern zu blockieren, bzw. ihrer Auffassung widersprechende Belege einfach auszublenden, weil die schulpolitische Sprecherin wohl keine Kritik verträgt, ist ein ziemliches No-go. Und wir reden hier jetzt nicht über schlimme Beschimpfungen oder Hate-Speech. Wir reden über sachliche Kritik, knallharte Fakten und ein klein wenig Wut. Sorry, aber das kann und darf nicht sein. Politiker*innen müssen sich der Diskussion stellen. Wenn sie das nicht tun, haben sie ihren Job verfehlt, fügen der Demokratie Schaden zu und fördern die Politikverdrossenheit. Niemand muss sich beschimpfen und beleidigen lassen, auch Politiker*innen nicht. Aber über einen offiziellen Account einfach reihenweise Menschen zu blockieren, die anderer Meinung sind, ist schon ein komisches Verständnis von Politik – insbesondere für eine Liberale. Denn diesen Account führt sie ja als gewählte Vertreterin der Bürger, letztendlich wird Frau Müller-Rech als MdL aus der Landeskasse bezahlt. Und es wirkt schon befremdlich, wenn man sich von Bürger*innen bezahlen lässt, sich aber nicht anhören möchte, was sie zu sagen haben. Entrückt ist das. Und das wirkt nach. Und sickert in die Gesellschaft. Sorgt für Unzufriedenheit. In der heutigen Zeit fataler als je zuvor.

Ansonsten war es eine eher ruhige Woche und ich habe mich kaum über irgendetwas aufregen müssen (vielleicht werde ich aber auch nur fatalistischer). Ich bin, wie so viele andere, einfach nur noch müde und wütend, weil die Politik sich von Ochsen in eine Ecke treiben lässt, aus der heraus sie einfach gar nichts mehr tun. Lieber gar nicht regieren als fasch regieren – Lindners Satz ist wahrer denn je.

Stattdessen habe ich ziemlich viel gearbeitet und das nächste Ghostwriting angefangen. Es ist so spannend, in fremde Biografien einzutauchen und die Sichtweisen von anderen Menschen Stück für Stück zu begreifen. Das sind die Highlights in meinem Job. Und für die bin ich sehr, sehr dankbar. Schräg ist aber immer noch, dass man so weit in der Zukunft arbeitet. Das, was ich jetzt gerade mache, wird (mit Glück) im Frühjahr 2023 veröffentlicht werden. Das ist ganz schön weit in der Zukunft und fühlt sich an, als wäre da eine Delle in der Raumzeit. Andererseits – vielleicht ist im Frühjahr 2023 das ganz normale Leben zurück und wir können uns alle wieder drücken, zu Zehntausenden Konzerte besuchen und ohne Masken in den Supermarkt. Das wäre ziemlich fein.

Mein Ausblick in die kommende Woche ist auch eher so semi. Viel Arbeit, ein paar Termine, Rezepte beim Arzt abholen, man könnte meinen, ich wäre schon Rentner. Immerhin beginnt am kommenden Freitag mein TV-Jahreshighlight: die neue Staffel Ich bin ein Star, holt mich hier raus. C-Promis, die Scheiße fressen, rumkreischen, ein paar Titten zeigen und sich gegenseitig anzicken. Da bin ich doch gern dabei. Sorry, ist meine Guilty Pleasure.

Und passend zum Thema Altern gebe ich euch dieses Video mit in die neue Woche. Ich liebe die Mischung aus Wut und Langeweile. Und Tocotronic findet ja sowieso jeder gut.

Kommt gut durch die Woche, bleibt gesund, zuversichtlich und schaut doch nächste Woche wieder hier vorbei. Ich würde mich freuen. Und wie heißt es bei unseren Nachbarn so schön: tot ziens!

Die Montagskolumne: KW 2

Die vergangene Woche war eine Zwischenwelt. Nicht mehr ganz im Urlaub, aber auch noch nicht wieder komplett am Schreibtisch. Eigentlich eine schöne Sache, könnte man meinen. Ein langsames Hinübergleiten in das vorausliegende Arbeitsjahr. Aber mit dem langsamen Hinübergleiten habe ich immer so meine Probleme. Hatte ich ja schon ein paar Mal hier im Blog: Vollgas oder Stillstand. Dazwischen ist alles so wenig greifbar und sowieso immer nicht genug und gleichzeitig zu viel. In solchen Phasen arbeite ich nie genug und ständig zu viel. Denke ich. Und ich lungere zu viel herum und nicht genug. Denke ich auch. Und eigentlich könnte ich immer noch drei andere Sachen machen. Ich weiß nur nie welche, kann schlecht priorisieren und neige dann dazu, unzufrieden zu werden.

Entsprechend schlecht habe ich dann auch geschlafen. Ein paar sehr fiese Träume geträumt, zu spät ins Bett, zu spät wieder raus. Und die Zeit dazwischen auch eher so im Tran verbracht.

Sinnvolle Arbeit
Ich habe dann einfach mit der Arbeit angefangen. Davon wird es in diesem Jahr mehr als genug geben, was total geil ist. Ist ja für uns Freiberufler immer ein wenig spannend, was das kommende Jahr so bringt. Manchmal beneide ich die ganz normalen Arbeitnehmer, mit Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und der Gewissheit, dass am kommenden Ersten des Monats die nächste Kohle auf dem Konto ist. Aber dann erinnere ich mich an meine Zeit in den Agenturen und merke ganz schnell, dass das dort auch alles nicht so geil war. Ja, ich könnte mir vorstellen, nochmal als Angestellter zu arbeiten. Und ja, ich denke sogar, ich wäre ein ziemlicher Gewinn für jeden Arbeitgeber und jedes Team. Aber ich würde mir das alles sehr genau anschauen. Weil für mich inzwischen ganz andere Faktoren wichtiger sind als Kaffee-Flatrate, Gratis-Getränke, überdurchschnittliches Gehalt und eine Kooperation mit Fitnessstudio XY. Ich will einen Sinn sehen, in dem was ich tue. Ich will ein geiles, vertrauensvolles und wertschätzendes Arbeitsklima. Ich will verbindliche Chefs, die hinter einem stehen, ohne Knüppel und Messer. Und da das alles nicht so weit verbreitet ist in der schönen PR- und Kreativwelt, bleibe ich erstmal frei.

Aber jetzt weg von mir – erst einmal – und einen kurzen Blick ins Weltgeschehen geworfen. Aufreger gab es in den vergangenen Tagen ja mehr als genug. Die Kultusminister haben mal wieder getagt, „Beschlüsse“ erarbeitet und anschließend große Worte gesprochen. Nur damit ein paar Stunden später das erste Bundesland schon wieder verkündet, dass es die „Beschlüsse“ nicht umsetzen wird. Das kennt man ja alles schon, aber mit jeder neuen Runde wird der Frust halt immer ein klein wenig größer. Zumal die „Beschlüsse“ diesmal nicht das Papier wert sind, auf dem sie verfasst wurden. Ernsthaft Leute? Da rollt eine Wand an Neuinfektionen auf uns zu, alle Länder um uns herum zeigen massivste Ansteckungsraten, Experten raten zu deutlichen und starken Kontaktbeschränkungen und alles was den Damen und Herren bei uns einfällt ist eine minimale Verschärfung der Regeln, wenn ich in ein Restaurant gehen will. Dazu das Mantra, dass die Schulen offenbleiben müssen. Egal wie, egal um welchen Preis. Das ist alles nicht mehr nachvollziehbar.

Klicks für falsche Narrative
Aber es ist ja nicht nur „die Politik“ allein. Die Medien enttäuschen mich auch immer mehr, weil sie für eine geile Headline und die Aussicht auf reichlich Klicks der werberelevanten Gruppe, nahezu jeden Move bringen. Beispiel: In der letzten Woche ging ja eine Studie der Uniklinik Essen durch die Medien, die zeigt, dass zwischen März und Mai 2021 rund 500 „Kinder“ nach Suizidversuchen auf den Intensivstationen dieses Landes landeten. Und natürlich müsse das an der Schulschließungen liegen. Was mich daran stört: Die Studie ist noch gar nicht veröffentlicht und nicht peer-reviewed. Dann werden aus Kindern und Jugendlichen (wie die Uni Essen es nennt) in den Headlines nur noch Kinder (weil im Auge des Lesers dann voll krass emotional ein siebenjähriges trauriges Mädchen erscheint, dass sich vom Dach werfen will. Und eben nicht ein 17-jähriger Teenager mit Akne und optionalen Drogenproblemen.) Dann wird in fast allen Artikeln der Hinweis unterschlagen, dass nahezu alle Fälle bereits im Vorfeld unter Depressionen und/oder Angststörungen litten. Dann wird unterschlagen, dass es eben nicht nur um „Schulschließungen“ geht, sondern um die Lockdownmaßnahmen generell, eben auch im Freizeitbereich. Dann wird unterschlagen, dass paradoxerweise die Suizidzahlen im ersten Lockdown 2020 zum Beispiel sogar zurückgingen. Dann. Dann. Dann. Aber all das wird auf Teufel komm raus verkürzt und zugespitzt und heraus kommt das Narrativ: Kinder bringen sich um, weil die Schulen geschlossen wurden. Das ist schäbig. RND war eines der wenigen Medienportale, die zumindest versucht haben, das etwas besser einzuordnen. Was überrascht, denn die Sozen sind ja nun nicht unbedingt die Differenzierer vor dem Herrn. Wie die Schlagzeilen bei BILD und Welt aussahen, könnt ihr euch bestimmt vorstellen.

Workoholische Heilpraktiker
Dann gab es auch wieder jede Menge „Spaziergänger“ im ganzen Land. Und ich glaube, man kann da inzwischen pauschal den Wasserwerfer und/oder ein paar Ladungen Pfeffer draufhalten und trifft wahrscheinlich niemanden, der es nicht verdient hat. Ich mag nicht mehr differenzieren, abwägen oder Verständnis zeigen. Warum? Tun „die“ doch auch nicht. Heute war der Wanderzirkus in Magdeburg und was dort einige Redner von sich gaben, hat nichts mit berechtigter, rationaler oder nachvollziehbarer Kritik zu tun. Da wurde davon geredet, dass die Impfung der größte Genozid der Welt sei. Und da bin ich dann raus. Ein Heilpraktiker sprach davon, dass er inzwischen mehr als 6.500 Impfgeschädigte in seiner Praxis behandelt hat und ich frage mich, wie er das nach gut einem Jahr (solange wird hier geimpft) denn eigentlich zeitlich hinbekommen hat. Das sind ungefähr 18 Patienten pro Tag. Aber nur, wenn er auch samstags, sonntags und an Feiertagen arbeitet und nicht in den Urlaub fährt. Heilpraktiker – ich dachte immer, die nehmen sich so viel Zeit für ihre Patienten. Also Wasser marsch, von mir aus auch Pfeffer marsch. Man muss nicht jede Wichse tolerieren. Wie sehr das Spazieren inzwischen verbrannt ist, zeigte ELHOTZO neulich auf Twitter:

Und die Sache mit dem Nicht-tolerieren-müssen gilt übrigens auch für den Jesus vom Balkan, Djokovic, der gerade sein Ego an der australischen Grenze abarbeitet.

Und wenn wir schon im Osten sind: Der lupenreine Demokrat aus Moskau macht mir ebenfalls zunehmend Angst. Die Spannungen an der Grenze zur Ukraine, die „Friedenstruppen in Kasachstan, der Traum einer russischen Union nach Vorbild der alten UdSSR. Alles so Sachen, die das Leben nicht unbedingt leichter machen.

Scheiße, Geburtstag
So, genug Aufregung für heute. Was bringt denn die neue Woche so alles? Jede Menge Meetings und Calls, hoffentlich endlich wieder eine normale Therapiewoche ohne Verschiebungen oder Ausfälle und Freitag dann mein Geburtstag. Ein immer etwas heikler Tag. Zu viel Endlichkeit vor mir, die mit jedem neuen Geburtstag deutlicher wird. Und zu viele, in der Kindheit festgenagelte, Möglichkeiten hinter mir, die ebenfalls immer deutlicher werden. Hätte, hätte Fahrradkette. In zwei Jahren werde ich 50, auch wenn ich in meinem kleinen Kopf gefühlt immer noch 12 bin, und mir dünkt, dass es – wie schon bei meinem 40. – stimmungsmäßig ziemlich düster werden wird. Ich kann das nicht gut: älter werden. Aber schauen wir mal, bis dahin sind es ja noch zwei Jahre und ein paar Tage. Vielleicht ist mein Seelchen bis dahin kernsaniert und ich mache eine große Party, weil alles so geil ist.

Genug geschrieben! Ich entlasse euch mit meinem Song der Woche, der mich zurück in den Sommer 1991 beamte. Kommt gut durch die Woche, bleibt zuversichtlich und gesund und passt auf euch auf.