Bock auf ein Zoom-Meeting?

Vor zwei Wochen haben Schwester Ursula und ich eine alte Tradition ins Online-Leben überführt. Die Idee zu unserem Buch, die ZweiSichten, entstand ja aus vielen Gesprächen, die wir bei vielen Cappuccini führten. Und da wir momentan nicht so wirklich beieinander sein können, haben wir uns virtuell auf einen Cappuccino getroffen und über das große Thema „Wahrheit“ gesprochen.

Der Clou dabei war, dass uns eine ganze Reihe von Menschen zuhörte und unser Gespräch via Zoom mitverfolgte und sich der eine oder andere sogar einklinkte.

Das hat viel Spaß gemacht – auch wenn ich im Nachhinein betrachtet, sehr viel Unsinn erzählt habe. Das direkte freie Sprechen ist nicht unbedingt meine Komfortzone. Ich habe immer das Gefühl, dass ich zu viele Gedanken gleichzeitig im Kopf habe und die alle unterbringen will, dabei allerdings die Hälfte der Informationen vergesse und mir kein Mensch auch nur annähernd folgen kann.

Egal, ich fand es superinspirierend und deshalb gibt es am
Samstag, den 06.06. um 20.00 Uhr
auch einen neuen Versuch. Diesmal werden wir über das Thema „Toleranz“ sprechen. Zumindest werden wir damit starten. Wo wir am Ende dieses Rhizoms rauskommen werden, weiß nur Deleuze.

Dies ist also eine Einladung. Wer möchte, kann gerne dazu stoßen, zuhören oder mitdiskutieren. Das Meeting wird weder aufgezeichnet noch gesendet. Wer also nicht dabei sei kann, wird es auch nicht nachholen können. Unter dem Link unten könnt ihr euch anmelden.

Zoom-Meeting beitreten

https://zoom.us/j/98947149675

Meeting-ID: 989 4714 9675

Ich freue mich auf eine tolle Diskussion mit Ursula und euch.

 

Keine Challenge sondern eine Geschichte

Neulich schrieb der Casi drüben auf Mobilegeeks mal wieder einen sehr lesenswerten Kommentar, der mich ins Grübeln gebracht hat. Es ging um die verschiedenen Challenges, an denen zurzeit gefühlt jeder Zweite teilnimmt.

Poste zehn 10 Albumcover, die deinen Musikgeschmack stark beeinflusst haben. Ein Album pro Tag. Keine Erklärung, keine Bewertungen, nur Cover.

Das Gleiche gibt es dann für die etwas intellektuelleren User auch noch mit Filmen und wahrscheinlich auch mit Büchern.

Carsten und ich sind uns im echten Leben noch nie so richtig begegnet, aber ich bin ein riesiger Fan seiner Blogbeiträge und Facebookpostings, die mich sehr häufig emotional abholen, beizeiten zum Lachen bringen und mir gelegentlich neue Sichtweisen nahebringen. Doch genug der Lobhudelei. In seinem Artikel auf Mobilegeeks schreibt Carsten, dass er es schade findet, bei all diesen Challenges eben nicht die Geschichten zu erfahren, die hinter den Lieblingsalben der User stecken.

Ich finde den Gedanken ganz charmant, einfach mal ein paar Sätze über wichtige Musikalben in der eigenen Biografie zu schreiben. Und da mir das für ein Facebookposting zu lang erscheint und ich in diesem Blog hier sowieso jeden thematischen Rahmen pulverisiere, schreibe ich euch jetzt einfach ein paar Sätze zu einem sehr, sehr wichtigen Album in meinem Leben. Und falls es euch gefällt, kann ich gerne noch weitere Geschichten zu weiteren Alben liefern. Ihr könnt das ja in die Kommentare schreiben, ob ihr Bock auf mehr ganz persönliche Musikbesprechungen habt. Aber jetzt lege ich wirklich mal los.

Wenn ich an wichtige Alben in meinem Leben denke, drifte ich fast zwangsläufig in die Zeit der späten Jugend und der frühen Adoleszenz. Ich nehme euch jetzt mal mit in die Zeit Anfang der 1990er-Jahre. Ich bin gerade 18 geworden und das Abi steht ebenso vor der Tür wie mein erstes eigenes Auto – ein nahezu schrottreifer, grasgrüner Opel Kadett D, gekauft von einem türkischen Verbrecher Autohändler. Aber das war mehr als genug, denn die Karre bedeutete Freiheit. Sie bedeutete Discobesuche, Konzertbesuche und Fluchten. Und flüchten musste ich oft. Als Grufti im Ruhrgebiet Anfang der 1990er-Jahre lebte man vielleicht ein klein wenig unverstandener als die Gothic-Kids von heute, die jährlich ihre TV-Liveübertragungen vom Wave-Gothic-Treffen in Leipzig auf RTL2, 3Sat und den MDR bekommen.

Ich schweife ab. Im Kassettendeck des Kadetts drehte sich damals sehr häufig das Album „Morpheus“ der deutschen Band Blessing in Disguise. Musikalisch würde man den Sound heute wohl als klassischen Gitarrenwave bezeichnen. Also schöne, melancholische Rocksongs mit breiten Synthieflächen. Vergleiche zu Bands wie The Mission, The Chameleons oder Echo and the Bunnymen kann man gefahrlos ziehen, aber leider haben es Blessing in Disguise nie geschafft, sich nachhaltig in die toupierten Köpfe der Szene zu spielen. Im Gegenteil, selbst im Jahr 2020, ist die Band so underrated und undergroundig, dass es noch nicht einmal einen Wikipediaeintrag gibt.

Aber Morpheus hat mich damals echt an die Wand gespielt. Insbesondere der Song „Like porpoises“ sorgt bei mir auch heute noch für Gänsehaut. Wenn ich das Album höre, habe ich immer eine ganz spezielle Stimmung. Es ist eine Mischung aus Traurigkeit, Sehnsucht und Glück. Anders als „Pornography“ von The Cure oder „Closer“ von Joy Division, die beide absolute Monolithen einer eisig-schwarzen Trauer sind, ist „Morpheus“ eher so etwas wie das Sommerurlaubsalbum für Gothics. Und in der Tat verbinde ich mit Blessing in Disguise auch ein, zwei, drei Sommerurlaube ohne Eltern. Urlaube mit allem was im Alter von 17, 18, 19 dazugehört: eine Urlaubsliebelei, Nächte am Strand mit Schnaps und Rotwein und Freunden und der Ahnung, dass dieses Gefühl der Freiheit nicht mehr lange anhalten würde. Wenn es so etwas wie eine Schönheit der Traurigkeit gibt, auf „Morpheus“ ist sie musikalisch festgehalten.

Die Band löste sich Mitte der 1990er-Jahre schon wieder auf, hinterließ nur zwei, drei Veröffentlichungen, aber ich bin extrem glücklich sie in dieser Zeit sogar live gesehen zu haben. Musikzirkus Dortmund, irgendwann im Winter, in der Zeit zwischen den Jahren. Und noch immer habe ich eine Ansage des Sängers im Ohr. Den Song „Sea of sorrow“ ein monumentales Brett der Schwermut und ebenfalls auf Morpheus enthalten, leitete er mit den Worten „Für alle, die sich Weihnachten etwas anderes gewünscht haben“ ein. Und eigentlich passt das auf das gesamte Album. Es ist für Menschen, die sich irgendwie etwas anderes gewünscht haben. Für ihr Leben, für diese Welt oder halt zu Weihnachten.

Genug der langen Worte, ich muss jetzt mal einen musikalischen Trip in die Vergangenheit machen. Es wird schön. Traurig. Und frei.