Mein Stadtteil

von sprachrhythmus

 

Der Stadtteil, in dem ich lebe, ist geprägt von der Stahlindustrie, die ihm über hundert Jahre hinweg ihren ätzend-dampfenden Stempel aufdrückte. Und wahrscheinlich wird dieser Stadtteil auch für die nächsten hundert Jahre noch mit dem Namen Hoesch verknüpft sein. Ich liebe diesen Stadtteil. Ich hasse diesen Stadtteil.

Dieser Stadtteil ist nur einer von vielen im Ruhrgebiet. Geht man durch die Vorortfußgängerzone, reihen sich Rammschläden zwischen Billigbäckern und 1-Euro-Shops ein. Man findet Kodi und Woolworth und Kik. Man findet Spielhallen und Handyshops. Penny, Lidl und Aldi sind gleich mehrfach vertreten und teilen das ehemalige Arbeiterviertel unter sich auf.

Es gibt einen Marktplatz, auf dem eigentlich immer etwas los ist. Junkies sitzen da und Säufer. Dazwischen spielen dreijährige Türkenkinder erstaunlich gut Fußball. Ihre Mütter hocken rund um einen kleinen Brunnen und kauen Sonnenblumenkerne. In der vierten Ecke sitzen manchmal ein paar Rentner, die diesem Stadtteil und dem Namen Hoesch ihre Arbeitskraft und oft genug ihre Gesundheit schenkten.

Dieser Marktplatz gibt ein tolles Motiv ab. Das echte Leben findet vielleicht dort statt. Aber er ist nicht nur ein Motiv, er ist auch eine Kulisse. Eine laute Kulisse. Immer schreit irgendwo irgendwer. Ein Kind, das hingefallen ist. Ein Säufer, dem das Bier ausgegangen ist. Ein aufgepumpter Dealer aus seinem aufgepumpten BMW.

Man kennt sich hier, sagt Hallo.

Die Eckkneipen sind schon morgens geöffnet. Und voll so mancher. Alles ist alt hier, als wäre die Zeit stehen geblieben. Samstags ist Fußball und aus den Schrebergärten hört man Jubelschreie, wenn der BVB vorne liegt.

Eine Romantik liegt über dem Stadtteil. Eine Romantik, die schrecklich ist. Schön. Ein Stillleben, ein Klischee. So ist das Ruhrgebiet. So soll das Ruhrgebiet bitte sein. Wenn man von außen drauf schaut.

Der Heroin-Schick.

Vanitas.

Das Gelände des Stahlwerks strukturwandelt sich gerade. Ein riesiger See entsteht. Die Alten schimpfen. Auch ein See macht Hartz IV nicht erträglicher. Die Grundstücke an den Hängen des zukünftigen Sees sind schon verkauft. Nicht an die fette, fünffache Mutter, die ihren Tabak an dem türkischen Kiosk kauft. Nicht an den tätowierten Glatzkopf, der mit seinem Pitbull Gassi geht. Nicht an das 14-jährige Mädchen, das hochschwanger an seinem Handy spielt. Man hat sich eingerichtet zwischen der Hundescheiße auf dem Gehweg und den Glasscherben. Veränderung tut weh. Schmerzvermeidung heißt hier: Bier und Stopfzigaretten. Schmerzvermeidung heißt hier: dem anderen auf die Nase zu boxen. Der Dreck klebt die Menschen aneinander, macht aus ihnen so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft.

Man hat hier seinen Bäcker, seinen Metzger, seine Bude, wo es auch morgens um fünf noch Bier und Kippen gibt. Seinen Griechen, seinen Türken, seinen Italiener.

Es ist schön hier. Es ist anstrengend hier. Es ist schrecklich hier. Der Stadtteil verändert sich. Die Menschen, die hier wohnen, merken dies.

Und.